Hermann Steffen zum Weizenmarkt

Dass die Weizenpreise bei schwachen Ernteaussichten nach oben gehen, wundert niemanden. Allenfalls der sehr schnelle Anstieg sorgt für Irritationen. Innerhalb von drei Wochen sind die Notierungen an der Pariser Börse Matif gut 45 €/t nach oben geschnellt und Erinnerungen an 2007 werden wach. Doch während sich damals die einsetzende Hausse auf erste Ernteergebnisse in Ost- und Westeuropa stützen konnte, bewegt sich der Markt derzeit noch im Dunstkreis von Prognosen. Dass es in Westeuropa, Russland, Kasachstan oder Kanada erheblich weniger Weizen geben wird, ist sicher. Wie klein die Ernten letztendlich tatsächlich ausfallen, muss sich noch zeigen. Schönfärberei ist allerdings fehl am Platz, auch wenn die europäische Weizenbilanz vermutlich aufgeht. Es wird auch weniger Weizen für den Export geben. Wer auf den Bullen vertraut, kalkuliert bereits mit Preisen von 200 €/t oder mehr. Für den Bären ist bei 180 €/t Schluss.

Doch selbst wenn die globalen Weizenbilanzen noch deutlicher nach unten korrigiert werden sollten, lassen sich keine Versorgungsnöte herauslesen. Die USA haben reichliche Überschüsse und warten nur darauf, die Exportmärkte bedienen zu können. Selbst im Ausnahmejahr 2007 haben sich die Befürchtungen schon weit vor dem Ende der Kampagne in Luft aufgelöst – allenfalls bei Mais gab es temporäre Engpässe.
Ähnlich wie damals wurde die aktuelle Rallye maßgeblich von Fondsaktivitäten ausgelöst. Seit Ende Juni soll erhebliches spekulatives Kapital an die Matif geflossen sein. Ein Rekord-Tagesumsatz in der Vorwoche von 2,2 Mio.t Weizen an der Terminbörse in Paris ist ohne Einfluss der Fonds kaum vorstellbar, auch wenn der Exporthandel kräftig mitgemischt hat. Mit den Fonds wächst aber auch die Volatilität. Wenn die Preise nach Optionsgeschäften sprunghaft nach oben schießen, um am nächsten Tag nach Gewinnmitnahmen kräftig zu fallen, lässt Chicago grüßen.

Doch gegen die führende US-Börse wirkt die Matif wie eine Regionalveranstaltung. Chicago bleibt die Leitbörse. Selbst an schwachen Handelstagen liegen die dort gehandelten Weizenmengen dreimal so hoch wie der Rekordumsatz in Paris. Auch wenn Chicago derzeit seine Preisimpulse aus Europa bezieht, bleibt dies nur ein Intermezzo. Sollten sich die Fonds auch an den US-Börsen verstärkt in den Weizen stürzen, lässt dies noch einiges erwarten.
Unvorhersehbare Preisschwankungen nach Short-Eindeckungen und Gewinnmitnahmen an den Börsen werden die Unsicherheit an den Kassamärkten verstärken und die Preisfindung erschweren. Doch die Börsen müssen sich den physischen Märkten stellen, und die erzielbaren Preise am Kassamarkt sind entscheidender als Papiermärkte.
Mit gedrückten Preisvorstellungen werden die Verarbeiter allerdings kaum Weizen aus den Lägern von Landwirtschaft und Handel loseisen können. Bei vielen Abgebern ist die Erinnerung an die hohen Preise von 2007 noch frisch. Dass Notierungen schnell abstürzen können, lässt sich leicht verdrängen.
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