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Zunehmende Konkurrenz am Markt – Kritische Stimmen häufen sich

Agrarzeitung Ernährungsdienst 6. Juni 2007; Von Dagmar Behme, Frankfurt a.M.

Die Bioenergie hat zweifelsohne den Agrarmärkten und der Stimmung in der Landwirtschaft gewaltigen Auftrieb verliehen. Der Zenit könnte jedoch überschritten sein, deutet sich zunehmend bei agrarpolitischen Diskussionen an.

Eine Energieproduktion auf Ackerflächen ist auf Dauer nicht vertretbar, wenn die wachsende Weltbevölkerung ausreichend ernährt werden soll. Diese klare Absage erteilt Prof. Franz Josef Radermacher allen Vorstellungen, dass Landwirte zunehmend zu Energiewirten mutieren sollten. Wenn auch nicht alle Agrarfachleute den ökosozialen Visionen des Wissenschaftlers aus Ulm folgen mochten, die Radermacher auf einer Vortragsveranstaltung der Agravis Raiffeisen AG vor kurzem in Magdeburg begründete, so zeigten doch die anschließenden Vorträge, dass Bioenergie zunehmend kritisch beurteilt wird.

Auf den vergleichsweise geringen Beitrag der Bioenergie zur gesamten Energieversorgung wies Prof. Olaf Christen von der Universität Halle hin. Würde die gesamte deutsche Ackerfläche zur Energieproduktion verwendet, könnten damit gerade 10 Prozent des Gesamtenergiebedarfs gedeckt werden. „Dann ist es immer noch kalt, und wir haben noch nichts gegessen“, verdeutlichte Christen.

Die Politik werde zunehmend vor der Frage stehen, welche Versorgungssicherheit für sie im Vordergrund stehe: Energie oder Nahrung. Solange diese Frage nicht beantwortet sei, seien Landwirte und ihre Handelspartner genau mit dieser Politikunsicherheit konfrontiert. Solange empfahl Christen den Unternehmern, die Märkte und die Entwicklung der Technologie sehr aufmerksam zu beobachten. Bei Investitionen gelte es, die Kosten realistisch zu kalkulieren. Vorerst würden jedoch alle Marktbeteiligten auch die Flächenkonkurrenz durch die Bioenergie zu spüren bekommen. „Es beeinflusst jeden, egal ob er auf den Zug aufgesprungen ist oder am Rande steht und zuschaut“, verdeutlichte Christen.

Ähnliche Aussagen traf Ludwig Striewe vom Hamburger Handelshaus Toepfer International. Im Jahr 2007 würden schätzungsweise 108 Mio. t Getreide zu Ethanol verarbeitet werden und damit gerade 0,6 Prozent des Welterdölbedarfs gedeckt. Allein in den USA gingen 2007 voraussichtlich rund 86 Mio. t Getreide in die Ethanolverarbeitung. „Das ist mehr als die russische Getreideernte“, verdeutlichet Striewe die Dimension.

Die Konsequenzen liegen für ihn angesichts der engen Weltmarktversorgung auf der Hand: „Was die Ethanolhersteller für Getreide zahlen können, bestimmt den Preis.“ Aktuell beobachtet Striewe ein „Hauen und Stechen um den Rohstoff“. So sehr sich möglicherweise Landwirte über die hohe Attraktivität ihrer Produktion freuen, so groß sind die Schattenseiten durch diesem neuen Wettbewerb. „Auch wenn es der Landwirtschaft besser gehen sollte, muss das nicht für Handel und Verarbeiter gelten“, warnte Striewe.
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