Steffen Bach zur Getreidevermarktung

Kurz vor der Ernte ist die Stimmung in den niedersächsischen Ackerbauregionen von freudiger Erwartung geprägt. Fast schon vergessen ist, dass viele Landwirte auf Grund der Auswinterungsschäden in diesem Jahr mit unterdurchschnittlichen Erträgen rechnen müssen. Beim Vorerntegespräch des Landhandels Fromme in Goslar gab Kurt Fromme mit seiner bullishen Markteinschätzung der Hoffnung auf gute Erlöse weiter Nahrung. Je näher die Ernte rückt, umso mehr spricht für einen festen Markt. In den USA wird die Maisernte trotz der Rekordanbaufläche wohl doch nicht so groß ausfallen wie erwartet. Hitze und Trockenheit setzen den Pflanzen zu. Sollte das USDA in der kommenden Woche die Prognose erneut nach unten korrigieren, würde das den bullish eingestellten Händlern neue Argumente liefern. Für Russland und die Ukraine verdichten sich die Anzeichen für eine kleinere Ernte als im Vorjahr. El Niño macht erneut von sich reden. Meteorologen sehen erste Anzeichen dafür, dass sich das Wetterphänomen im 2. Halbjahr entwickeln könnte. Die Folgen wären viel Regen in Südamerika und Trockenheit in Asien und Australien.

Was die Ackerbauern im Osten Niedersachsens freut, macht den Veredelungsbetrieben und Futtermühlen im Westen des Landes Sorge. Steigende Rohstoffpreise werden die Produktion von Milch, Fleisch und Eiern verteuern. Ob sich die höheren Kosten durch steigende Preise für tierische Produkte ausgleichen lassen, ist heute noch nicht abzusehen. Die Futtermühlen sind ohnehin in keiner komfortablen Situation. Schon seit Wochen wird über Brake Getreide aus Rumänien importiert, weil der Inlandsmarkt leergefegt ist. Mit der Ernte im Nordwesten wird sich die Situation zunächst entspannen, weil die Veredelungsbetriebe ihr Getreide meist direkt an ihren Mischfutterlieferanten liefern. Auch die gute Entwicklung der noch einmal ausgedehnten Maisbestände lässt hoffen. Die meisten Biogasanlagen sind aus dem Vorjahr noch gut versorgt. Zusätzlicher Körnermais könnte deshalb Weizen aus dem Mischfutter verdrängen.

Auch wenn Risiken wie die Finanzkrise und die Entwicklung der Weltkonjunktur nicht unterschätzt werden dürfen, bestehen zurzeit beste Aussichten für die Vermarktung von Getreide und Raps. Bei aller Euphorie sollte aber auch daran gedacht werden, dass von hohen Preisen nur der profitiert, der seine Chance nutzt und verkauft. Mühlen und Mischfutterhersteller appellieren an die Landwirtschaft, die Ware nicht zurückzuhalten – in der Hoffnung, morgen noch ein wenig mehr zu erlösen.

Die Verarbeiter müssen sich mit Ware eindecken. Gelingt ihnen das nicht vor der eigenen Haustür, suchen und finden sie Lieferanten außerhalb der Heimat. In den vergangenen Jahren haben die großen Futtermühlen im Nordwesten in die Logistik investiert, um sich vom heimischen Markt unabhängiger zu machen. In den neuen Getreidebahnhöfen können Ganzzüge aus Tschechien und Ungarn innerhalb eines Tages entladen werden. An den Kanälen sind neue Hafenplätze entstanden, um das europäische Wasserstraßennetz nutzen zu können. Sind die Lieferungen aus dem Ausland erst einmal im Silo, fehlt Platz für die heimische Ware.
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