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Handelsbeschränkungen sollen fallen – Weltmarkt für Preise entscheidend

Agrarzeitung Ernährungsdienst 14. Oktober 2006; Von Axel Mönch, Brüssel

Durch die stockenden Verhandlungen der Welthandelsorganisation WTO ist die europäische Milchindustrie zwischen Politik und Markt geraten. Ein besserer Zugang zu den internationalen Märkten lässt vorerst noch auf sich warten. Große Potenziale für ihren Absatz sehen die Verarbeiter in Nordamerika und Asien.

Inständig hofft der Europäische Verband der Milchverarbeiter, die European Dairy Association (EDA), auf einen erfolgreichen Abschluss der WTO-Verhandlungen. „Vor allem kommt es auf einen besseren Marktzugang für Milchprodukte an“, fordert EDA-Geschäftsführer Dr. Joop Kleibeuker. Die hohen Einfuhrzölle in Drittländern müssten sinken. Absatzmöglichkeiten rechnen sich die Milchverarbeiter vor allem in den USA, Kanada, Südkorea und Japan aus. Um die starke Position der EU zu erkennen, reiche ein Blick in die Theke eines US-amerikanischen Supermarktes, schwärmt Kleibeuker. Besonders bei den besseren Käsesorten seien Lieferungen aus Frankreich und Italien dort sehr präsent.

Schwellenländer im Blick

Längerfristig haben die Molkereien der EU nicht nur die Industrieländer, sondern auch die Schwellenländer auf dem Weltmarkt im Auge. China und Brasilien seien längerfristig sehr interessante Absatzmärkte. Allerdings müssten diese Schwellenländer ihre Grenzen öffnen und dürften sich in den WTO-Verhandlungen nicht hinter den Entwicklungsländern verstecken, die beim Marktzugang immer eine besondere Schonung bekämen.

Milch sei ein lokal hergestelltes, verarbeitetes und konsumiertes Produkt, führt der EDA-Geschäftsführer aus. Allenfalls 10 Prozent der europäischen Milchproduktion gingen in den Export. In den USA sei der Anteil der Ausfuhren mit 3 bis 5 Prozent noch geringer. In Indien betrage er gerade einmal 1 Prozent. Aber für die Preisbildung sei der Weltmarkt von entscheidender Bedeutung. In der EU sei die Nachfrage mit einer jährlichen Steigerung von 1 Prozent sehr konstant. Niedrigere Milchpreise führten kaum zu höherem Milchkonsum, Produktionssteigerungen führten zu Überschüssen. Der Retter sei in diesem Fall der Weltmarkt. Hier könne mit günstigen Angeboten noch zusätzliche Nachfrage geschaffen werden. Hier sei noch Platz für erhöhte Produktionsmengen. In der EU sinke der Milchpreis stetig seit der Reform der Marktordnung. Im Durchschnitt der EU liege der Milchpreis zwischen 25 und 30 Cent pro Liter. Kleibeuker geht davon aus, dass er sich in den kommenden Jahren noch mehr in Richtung 25 Cent/Liter bewegen wird. „Auf 10 bis 15 Cent wird er nicht runtergehen“, wehrt der Brüsseler Interessenvertreter aufkommende Horrorszenarien ab. Die Landwirte in der nördlichen Hälfte der EU könnten zu Preisen zwischen 20 und 25 Cent/Liter wirtschaftlich arbeiten. Dort seien die Strukturen insoweit bereinigt. „In den Randgebieten ist dies schwieriger“, urteilt Kleibeuker. Dort müssten Hilfsprogramme aus der 2. Säule der GAP den Landwirten unter die Arme greifen. Schließlich sei die Milchwirtschaft auch in den Randgebieten eine politisch erwünschte Sache.

EU in Vorleistung

Die EU hat laut Kleibeuker mit ihrer Reform eine Vorleistung erbracht und müsse sich einem niedrigeren Preisniveau anpassen. Wegen der stockenden WTO-Verhandlungen sei die europäische Milchwirtschaft bisher um den Ertrag für ihre Vorleistungen gebracht. „In Sachen Marktzugang tut sich auf dem Weltmarkt derzeit nichts“, kritisiert Kleibeuker. Er setzt darauf, dass das Verhandlungsmandat des US-Präsidenten über den Juli 2007 hinaus verlängert wird und so Zeit für den Abschluss im kommenden Jahr bleibt: „Wenn die Republikaner in den Wahlen im November nicht allzu sehr verlieren, ist die Mandatsverlängerung realistisch.“ Die Angebote des EU-Handelskommissars Peter Mandelson sind aus Sicht der Europäischen Milchverarbeiter zu verkraften. In Zeiten sehr niedriger Weltmarktpreise könnten zusätzliche Mengen an Milchprodukten auf den europäischen Markt drängen, falls die EU sich öffne. Es gebe aber nur sehr wenige wettbewerbsfähige internationale Anbieter. Dazu rechnet Kleibeuker vor allem Neuseeland und in zweiter Linie Australien und Argentinien. Nur seien die klassischen Exporteure auf dem Weltmilchmarkt an den Grenzen ihrer Produktionskapazitäten angelangt. Selbst bei zusätzlichen Absatzmöglichkeiten könne Neuseeland seine Butterproduktion nicht mehr ohne Weiteres ausdehnen. Neuseeland sei deshalb vor allem an höheren Verwertungsstufen interessiert und wolle Käse in die EU ausführen. Da die EU selbst bei den höherwertigen Produkten sehr stark sei, habe sie nicht allzu viel zu befürchten.
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