Report Saatgut Sommergetreide

Europas Vielfalt bietet Haferzüchtung Perspektive


Team für Hafer: Züchter Uwe Stephan (l.) mit Geschäftsführer Berthold Bauer.
-- , Foto: brs
Team für Hafer: Züchter Uwe Stephan (l.) mit Geschäftsführer Berthold Bauer.

Der Anbau von Hafer in Deutschland ist rückläufig. Doch davon lässt sich Berthold Bauer nicht irritieren. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Saatzucht Bauer Beteiligungs GmbH im bayerischen Niedertraubling. In der fünften Generation leitet er das Züchtungsunternehmen, aus dem die derzeit marktführende Sorte Max stammt. Sein Sohn wird das Unternehmen weiterführen. Und das, obwohl sich die Haferanbaufläche in Deutschland innerhalb von zehn Jahren nahezu halbiert hat und damit vermeintlich wenig Anreiz bietet.

Doch Berthold Bauer hat längst die Weichen für die Zukunft gestellt und führt sogar zwei Zuchtprogramme für Hafer. Sein Haferzüchter Uwe Stephan entwickelt seit 21 Jahren Gelbhafersorten für den Anbau in Deutschland am Standort Niedertraubling. Streng getrennt davon entwickelt Stephan am Standort Boldebuck Weißhafersorten, wie sie in Skandinavien angebaut werden. Zusätzlich verfügt die Saatzucht Bauer in Biendorf bei Bernburg über einen weiteren Standort für Sortenentwicklung und Erhaltungszucht.

In Finnland zählt Standfestigkeit

„Die Erwartungen daran, was gute Hafersorten so leisten sollen, sind in den Märkten völlig verschieden“, berichtet Stephan. Die deutschen Erzeuger mit ihrer Vorliebe für Gelbhafer wünschen eine hohe Ertragsleistung bei früher bis mittlerer Gelbreife. In Finnland hingegen legen die Erzeuger besonderes Augenmerk auf Standfestigkeit, wenn sie sich für eine Weißhafersorte entscheiden. Zudem ist für den Anbau in Finnland eine sehr frühe Gelbreife Bedingung. „Dort wird im Mai gesät und im September geerntet, wenn fast schon der Winter beginnt“, erklärt Stephan. Das Risiko, dass anfällige Sorten ins Lager gehen, ist groß.

Die beiden so völlig unterschiedlichen Märkte Deutschland und Finnland bieten reiche Perspektiven für die Haferzüchtung, erklärt Stephan. In den jeweiligen Nachbarländern finden nämlich neue Sorten ebenfalls Anklang. Mit den Sorten Obelix und Harald hält das Vertriebsunternehmen I.G. Pflanzenzucht (IGP) GmbH, München, in Finnland 55 Prozent an der Vermehrungsfläche, stellt IGP-Geschäftsführer Franz Beutl heraus. Eine weitere Sorte könnte dieses Jahr zugelassen werden.

Doch streng festgelegt auf die Farben der Deckspelze sind Europas Anbauer keineswegs, erklärt Beutl. In Dänemark habe sich die Gelbhafersorte Dominik zum Marktführer entwickelt. Das liegt vor allem an ihrer doppelten Nematodenresistenz. Denn Getreidenematoden sind in den engen dänischen Getreidefruchtfolgen ein ernstes Problem geworden. Beutl beansprucht für die IGP in Dänemark einen Marktanteil von 70 Prozent, zu dem auch die Sorte Gry aus der Saatzucht Firlbeck beiträgt.

In Großbritannien ist die Hafersorte Aspen in die Recommended List aufgenommen worden. Die Sorte hat mit früher Reife, hohen Erträgen und vor allem Mehltauresistenz überzeugt. Für den Sortenvertrieb in diesem Markt arbeitet die IGP mit dem Unternehmen Senova zusammen, das mit Feldversuchen schon frühes Zuchtmaterial aus dem Haus Bauer auf seine Eignung für diesen Markt prüft. Senova hat nicht nur die Zulassung in Großbritannien vorangetrieben, sondern engagiert sich für die Vermarktung von Konsumhafer in Müsli wie auch in der Tierernährung.

Weitere Wachstumspläne mit Hafer schmiedet Beutl in Polen. Hier steht in diesem Jahr die Zulassung der Sorte Cowboy an. Interessante Märkte für deutsche Hafersorten sind laut Beutl noch Österreich und die Benelux-Länder. Außerdem könnten die in Skandinavien beliebten Weißhafersorten auch im Baltikum Anklang finden, überlegt er.

Diese breiten Möglichkeiten für den Vertrieb hat Züchter Stephan mit Hafersorten geschaffen, für die er sich eigentlich auf zwei extrem unterschiedliche Märkte fokussiert. Das komplexe Unternehmensnetz der Saatzucht Bauer sorgt gemeinsam mit der IGP dafür, dass Partnerunternehmen in weiteren Ländern die Sorten bereits im frühen Stadium ins Feld stellen, um ihre Anbaueignung in zusätzlichen Märkten auszuloten.

Zwerge für Babynahrung

Einen neuen Sortentypus baut Stephan jetzt auf: Kurzstrohhafer mit Verzwergungsgenen. Diese ersten Sorten Kurt und Troll sind standfest und müssen nicht mit Halmverkürzer behandelt werden. Das ist besonders vorteilhaft, wenn die Ernte für Babynahrung geeignet sein soll.

Nun ist es vor allem die Beschleunigung des Sortenoutputs, an der das mittelständische Unternehmen arbeitet: Berthold Bauer hat in ein Forschungs- und Entwicklungsgewächshaus am Standort Biendorf investiert. „Wir haben mehrere Kabinen mit separater Klimasteuerung zur Verfügung“, ist Bauer stolz.

Jetzt kann in Biendorf bereits im Winter gekreuzt werden. Im Frühjahr können dann die ersten Nachkommen sofort ausgesät werden. „Wie vorteilhaft, dass Hafer keine Keimruhe braucht“, freut sich Berthold Bauer. Mit der saisonalen Verschiebung dieser aufwendigen Handarbeit sind Arbeitsspitzen im Zuchtunternehmen gebrochen, das ein ja noch breites Spektrum anderer Kulturen bearbeitet. Bisher wurden die Haferkreuzungen aus dem Sommer vorgenommen und für die Winterzwischengeneration nach Chile geschickt. Künftig will Stephan versuchen, weitere Winterzwischengenerationen ebenfalls in Biendorf zu führen, um elf Generationen in weit weniger als elf Jahren zu schaffen.

Technik sorgt für Beschleunigung

Auch neue Methoden werden den Zuchtgang beschleunigen. So misst ein Parzellenmähdrescher mit eingebautem NIRS-Messgerät den Spelzengehalt direkt bei der Ernte. Denn der Spelzenanteil gehört zu den Kriterien, auf die Schälmühlen achten, wenn sie Konsumware kaufen. Sorten mit hohem Spelzenanteil haben für diesen Markt keine Chance. Selbstverständlich ist die markergestützte Selektion auch für die Haferzüchtung eine Hilfe: Verzwergungsgene, Mehltau- oder Nematodenresistenz sind die Eigenschaften, nach denen in frühem Kreuzungsmaterial gesucht werden kann.

Neben dem Hafer hat Berthold Bauer weitere starke Standbeine für das Züchtungsunternehmen geschaffen. Für die Weizenzüchtung bestehen Kooperationsabkommen und Gemeinschaftsunternehmen mit Züchterhäusern in Österreich und Frankreich. Ebenso wird die Entwicklung von Hybridweizen mit vier Partnern vorangetrieben. In die Entwicklung von Sojasorten für den deutschen Markt hat sich das Unternehmen eingeklinkt. Für den Anbau von Lupinen wurde für das Unternehmen die Blaue Süßlupine Lila Baer neu zugelassen. Die erste anthraknoseresistente, weiße Süßlupine Victor Baer befindet sich im Zulassungsverfahren. (brs)
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