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Überkapazitäten abbauen - Vertragsproduktion fördern - Qualität und Marktstellung sichern

22. Juli 2000; Robert Bongaerts, Bad Homburg

Über die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Vieh- und Fleischwirtschaft entscheidet zukünftig die Produktion innerhalb von Qualitätssicherungssystemen. Bisherige Ansätze mit dem Ziel einer nachhaltig stabilen Marktposition der Branche scheitern an der erforderlichen, aber nur gering ausgeprägten Bindungsbereitschaft auf Seiten der landwirtschaftlichen Erzeuger. Diese resultiert aus den hohen Überkapazitäten in der Schlachtung. Einen Ausweg aus der Misere kann das Konzept einer regionalen Koordination bieten.

Die kleinstrukturierte deutsche Schlachtbranche ist durch hohe Überkapazitäten und damit durch eine geringe Wettbewerbsfähigkeit gekennzeichnet. Die Auslastung der Kapazitäten ist in den meldepflichtigen Unternehmen (nach dem Gesetz über den Verkehr mit Vieh und Fleisch) im Vergleich zu den wettbewerbsstarken internationalen Konkurrenten mit etwa 60 Prozent in der Rinder- und rund 65 Prozent in der Schweineschlachtung sehr gering. Die entsprechenden Überkapazitäten liegen in der Größenordnung von 1,9 Mio. Rinder- und 16 Mio. Schweineschlachthaken.

Die agrarpolitischen und internationalen Rahmenbedingungen lassen eine Verschlechterung der Schlachtviehversorgung in Deutschland erwarten. Die deutsche Schlachtrindererzeugung ist im wesentlichen bestimmt durch die Kontingentierung der Milchmenge und nimmt entsprechend dem Leistungsanstieg in der Milcherzeugung jährlich um etwa 1,5 Prozent ab. Die Schweineerzeugung ist geprägt durch eine im internationalen Vergleich gegenüber den exportorientierten Ländern geringe Wettbewerbsfähigkeit. Diese resultiert aus Leistungs- und Kostendefiziten sowie dem geringen Anteil einer Produktion in vertikal integrierten Systemen.

Die Einführung von Qualitätssicherungssystemen für eine garantierte Prozess- und Endproduktqualität spielt zukünftig zur Erfüllung der gesetzlichen Verbraucherschutzbestimmungen und den daraus resultierenden Anforderungen seitens der Abnehmer von Fleisch (Lebensmittelhandel, Fleischverarbeiter, Großverbraucher) eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig ist die Qualität des Rohstoffs Fleisch insbesondere in Hinblick auf mikrobiologische Standards zu verbessern. Die Fleischwarenindustrie und der Lebensmitteleinzelhandel greifen immer mehr auf Importe zurück, weil Fleisch mit Qualitäts- und Herkunftssicherung aus Deutschland nicht in ausreichender Menge angeboten werden kann.

Auslastung senkt Kosten

Der im Vergleich zur Schlachtbranche stark fortgeschrittene Konzentrationsprozess in der Fleischverarbeitung und im Lebensmitteleinzelhandel erfordert ein Mitwachsen der Schlachtindustrie. Eine effiziente Schlachthofstruktur zeichnet sich durch hoch ausgelastete Betriebe und wettbewerbsfähige Betriebsgrößen aus. Daraus resultieren niedrige Schlachtkosten. Zusätzliche Einsparungseffekte ergeben sich aus der Automatisierung und der Spezialisierung der Schlachtung auf eine Tierart. Diese Strategie fahren etwa die wettbewerbsstarken US-amerikanischen, niederländischen und dänischen Schweineschlachtereien. Zum Beispiel plant Danish Crown einen Schlachthof mit einer Kapazität von 70 000 bis 80 000 Schweinen pro Woche. Dadurch werden sechs bis sieben Schlachthöfe in einer entsprechenden Größenordnung stillgelegt.

Zudem ermöglicht eine optimale Betriebsgröße, alle Wertschöpfungspotentiale auszunutzen, zum Beispiel in der Nebenprodukt- und Abfallverwertung, durch zusätzliche Dienstleistungsangebote, wie etwa die Abpackung von Frischfleisch, sowie durch die Sortierung der Schlachtkörper nach optimalem Verwendungszweck.

Insbesondere die dänische Schweinefleischvermarktung besitzt auch deutliche Wettbewerbsvorteile durch die konsequente Nutzung von Warenwirtschaftssystemen. Die Online-Verarbeitung aller Daten der Vieh- und Fleischverarbeitung ermöglicht langfristige Vertragsabschlüsse, aber auch kurzfristige Dispositionen. Denn die anfallende Schlachtmenge, die sich daraus ergebenden Produktmengen und die frei disponierbaren Mengen sind bekannt.

Landwirtschaft verstärkt einbinden

Ansätze zur Ausrichtung an Markterfordernisse, zum Beispiel die Erzeugung innerhalb von Qualitätssicherungssystemen und der Aufbau von Warenwirtschaftssystemen, setzen vertragliche Vereinbarungen aller am Produktionsprozess Beteiligten voraus. Deutsche Landwirte zeigen jedoch nur eine geringe Bereitschaft, sich vertraglich festzulegen. Schlachtvieh wird an das Unternehmen geliefert, das zum Vermarktungszeitpunkt die höchsten Preise zahlt. Preisunterschiede resultieren aus dem intensiven Wettbewerb der Schlachtunternehmen, die eine höchstmögliche Kapazitätsauslastung anstreben. Das geringe Interesse der Landwirte an einer vertraglich gebundenen Vermarktung von Schlachtvieh kann deshalb durch die bestehenden Überkapazitäten erklärt werden.

Auch wenn die Notwendigkeit der Vertragsproduktion zur strategischen Neuausrichtung des gesamten Vieh- und Fleischsektors von allen Marktbeteiligten erkannt ist, maximiert der einzelne Landwirt dennoch kurzfristig seinen Gewinn, wenn er keine Bindung eingeht. Diese kurzfristige Sichtweise steht jedoch dem Aufbau einer wettbewerbsfähigen Vieh- und Fleischwirtschaft im Wege.

Die bereits heute schon nachteilige Wettbewerbssituation wird sich verschärfen, wenn nur noch im Rahmen von Qualitätssicherungssystemen erzeugtes Fleisch verkehrsfähig sein sollte. Diese Entwicklung hat beispielsweise die dänische Schweinefleischindustrie nicht nur erkannt, sondern bereits in entsprechende Konzepte umgesetzt. Während der mehrjährigen Aufbau- und Einführungsphase von deutschen Qualitätssicherungssystemen wäre der Absatz von Fleisch nur mit Preiszugeständnissen möglich. Dies würde zu einem nachhaltigen Rückgang der Erzeugung, einer Abnahme des Selbstversorgungsgrades führen und die Auslastung weiter verringern. Diese Situation in der Fleischbranche gleicht einem Teufelskreis

Teufelskreis durchbrechen

Der Teufelskreis kann durchbrochen werden durch das Konzept der regionalen Koordination. Das Konzept kombiniert den Abbau regionaler Überkapazitäten mit der Ausrichtung auf Markterfordernisse. Innerhalb einer Region werden zu einem Stichtag Überkapazitäten planmäßig herausgekauft. Diese Vorgehensweise ähnelt dem 1995 geplanten aber gescheiterten Vorhaben zur Anmeldung eines Strukturkrisenkartells, mit dem ein deutschlandweiter Ansatz verfolgt wurde. Vorteil der regionalen Begrenzung ist die geringere Anzahl an Akteuren, so dass ein Einigungsprozess eher möglich ist. Im Konzept der regionalen Koordination sind zunächst aufgabewillige Unternehmen auszumachen, der Entschädigungsbetrag für die Stilllegung auszuhandeln und ein Finanzierungskonzept zu erstellen. Die Finanzierung erfolgt ausschließlich durch die verbleibenden Schlachtbetriebe. Ergebnisse von Modellrechnungen auf Basis der bestehenden Struktur in Deutschland deuten auf ein notwendiges Finanzvolumen in der Größenordnung von insgesamt etwa 390 Mio. DM in der Rinderschlachtung und rund 240 Mio. DM in der Schweineschlachtung hin. Dem stehen entsprechende jährliche Rentabilitätssteigerungen von 63 Mio. DM und 74 Mio. DM gegenüber. Damit amortisieren sich die Aufwendungen für die Stilllegung der Überkapazität innerhalb von etwa neun Jahren in der Rinder- und rund vier Jahren in der Schweineschlachtung.

Marktgerecht produzieren

Nach der regionalen Strukturbereinigung wird sich der Wettbewerb um Schlachtvieh abschwächen. Der bisherige Grund für die geringe Bindungsbereitschaft der Landwirte wird zunehmend entkräftet. Damit sind die Voraussetzungen zur marktgerechten Produktion gegeben. Die Wettbewerbsstellung verbessert sich nachhaltig. Aus der Umsetzung des regionalen Ansatzes ergeben sich dann die folgenden zusätzlichen Vorteile:

1. Abstimmung regionaler Produktions- und Vermarktungskapazitäten: Eine Bündelung der landwirtschaftlichen Vermarktung auf leistungsfähige Schlachthöfe und ein abgestimmtes Investitionsverhalten tragen dazu bei, in allen Produktionsstufen Überkapazitäten oder Engpässe zu verhindern.

2. Andienung großer Mengen einheitlicher Qualität: Dies wird erreicht durch die Konzentration auf ausgewählte Zuchtprogramme, die zudem die Kenntnis des Handelswertes der erzeugten Tiere ermöglichen, in Abhängigkeit von den zu bedienenden Marktsegmenten.

3. Erhöhung der Markttransparenz: Ein einheitliches Abrechnungssystem innerhalb einer Region fördert die Vergleichbarkeit der Notierung, verhindert unnötige Schlachttiertransporte und optimiert so auch die Erfassungskosten. Preisdifferenzierung zwischen den Unternehmen ist durch die Zahlung von nachträglichen Zuschlägen möglich.

4. Standard-Integrationsverträge: Derartige Musterverträge, zum Beispiel von den landwirtschaftlichen Interessensvertretern mitentwickelt, würden die Akzeptanz zur Kooperation bei den Landwirten verbessern. Gleichzeitig entfallen dadurch auch die Kosten für individuelle Vertragsabschlüsse.

5. Erhalt der kritischen Masse: Die langfristig gesicherte Mindestmenge an regional erzeugten Schlachttieren erleichtert zudem Investitionen der vor- und nachgelagerten Stufen, zum Beispiel in der Mischfutterherstellung und in der Forschung.

6. Abwehr von Seuchengängen: Der überregionale und regionale Ferkelhandel kann eingeschränkt werden durch den Aufbau fester Lieferbeziehungen zwischen Ferkelerzeugern und Mästern.

Trotz der Vielzahl an Vorteilen und Chancen des Konzeptes regionale Koordination existiert kein vergleichbares System in Deutschland. Es bietet die besten Voraussetzungen zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit nicht nur der Schlachthofbranche, sondern auch der gesamten Vieh- und Fleischwirtschaft.
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