Report Zukunft der Nutztierhaltung

Ganz ohne geht‘s nicht

Nur gesunde Schweine schaffen es ohne Antibiotika bis zur Schlachtreife. Aufschluss darüber gibt eine zusätzliche Ohrmarke.
-- , Fotos: SB
Nur gesunde Schweine schaffen es ohne Antibiotika bis zur Schlachtreife. Aufschluss darüber gibt eine zusätzliche Ohrmarke.

Wiking Meat – das klingt stark, ursprünglich und naturverbunden. In Dänemark wird unter diesem Label seit einem Jahr „antibiotikafreies Schweinefleisch“ produziert und in den dortigen Lidl-Filialen angeboten. Danish Crown hat hierfür rund 20 Mastbetriebe und Ferkelerzeuger gewinnen können. Die Zahl der wöchentlich geschlachteten antibiotikafreien Schweine soll bei Dänemarks größtem Schweineschlachter bald von 200 auf 2000 Tiere gesteigert werden.

Wiking Meat ist eines von mehreren Programmen, die mit einer antibiotikafreien Fleischproduktion werben. In Deutschland startete Rewe in diesem Jahr in einem Supermarkt in Dortmund mit „Meat 4 U“ ein ähnliches Pilotprojekt. Alle Projekte haben gemeinsam, dass in den Betrieben weiterhin Antibiotika eingesetzt werden. Allerdings wird jedes einzelne Tier, das mit Antibiotika behandelt wird, erfasst und gesondert vermarktet. Für die Programme dürfen nur jene Tiere geschlachtet werden, die in ihrem Leben keine Antibiotika erhalten haben. Bei Meat 4 U beschränkt sich der Antibiotikaverzicht nur auf die Mastphase, in der Ferkelaufzucht dürfen die Medikamente eingesetzt werden.

Henning Jacobsen gehört zu den sechs dänischen Landwirten, die Schweinefleisch für Wiking Meat produzieren. In seinem Sauenbetrieb in Haderslev an der jütländischen Ostseeküste erhalten die Ferkel eine zweite grüne Ohrmarke mit der Aufschrift „wiking antibiotic free“.

Die bei Wiking Meat zusammengeschlossenen Landwirte könnten pro Jahr 53000 Mastschweine produzieren, die Nachfrage hat aber noch nicht dieses Niveau erreicht. Henning Jacobsen arbeitet deshalb zurzeit noch parallel. Er deutet auf die gelben Datenblätter, die über einigen Abferkelbuchten hängen. „Dort sind die Ferkel für Wiking Meat“, erläutert der Däne. Wenn ein Tier erkrankt oder wegen einer Verletzung mit Antibiotika behandelt werden muss, erhält es die medizinisch notwendige Hilfe, betont der junge Landwirt. Bei diesen Tieren wird dann die grüne Ohrmarke entfernt und sie werden als konventionelle Schweine vermarktet.

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Entwickelt wurde Wiking Meat vom dänischen Schweinehalter Ingo Walterscheid. Er ist davon überzeugt, dass Tierschutz und Nachhaltigkeit in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Dazu gehöre auch eine zunehmende Kritik am Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung. Weitere Kriterien für Wiking Meat sind ein Verzicht auf das Kupieren der Schwänze und der Verzicht auf den Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen (kurz: GVO) im Futtermittel. Außerdem sollen die Tiere in ihrem Leben nicht länger als 2,5 Stunden transportiert werden. Geschlachtet, verarbeitet und vermarktet wird das Fleisch ausschließlich in Dänemark. „Regionalität und Verzicht auf lange Transporte sind für uns entscheidende Nachhaltigkeitsfaktoren“, betont der Schweinehalter. Teil des regionalen Konzepts ist eine enge Bindung an den Kunden. Ein auf die Fleischverpackungen gedruckter QR-Code bietet die Möglichkeit, sich über die Betriebe zu informieren, aus denen das Fleisch stammt. Um die Regionalität zu erhalten, soll Fleisch von Wiking Meat nicht exportiert werden. Sehr wohl vorstellen kann sich Ingo Walterscheid jedoch, das Konzept über die Grenzen Dänemarks hinaus zu verbreiten.

Rund 90 Prozent der Schweine bleiben bei Wiking Meat ohne Antibiotikabehandlung. Für diese Tiere erhält der Mäster Henning Jacobsen einen Bonus. Pro Kilogramm Schlachtgewicht wird eine Prämie von 24Cent bezahlt, das sind mehr als 20€ je Schlachtschwein. Zwei Drittel davon erhält der Ferkelerzeuger, ein Drittel bekommt der Mastbetrieb. Über diese Boni schaffen Programme für antibiotikafreie Schweinehaltung einen zusätzlichen Anreiz, den Medikamentenverbrauch in der Nutztierhaltung zu reduzieren.

Dem Verbraucher sind die Feinheiten der Konzepte wohl nicht immer bewusst. Konsumenten werden vermuten, dass die beteiligten Tierhalter vollständig auf den Einsatz von Antibiotika verzichten. So wird eine Erwartung geweckt, die nicht zu erfüllen ist. Mit dem Schlagwort „antibiotikafrei“ wird zudem suggeriert, dass Fleisch von behandelten Tieren üblicherweise Antibiotikarückstände enthält. Dies ist aber – bei Einhaltung der gesetzlichen Wartezeiten – nicht der Fall. Sollten solche Programme weiter ausgebaut werden, stellt sich die berechtigte Frage, wie das Fleisch von behandelten Tieren in Zukunft vermarktet werden soll. (SB)
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