Report Spannungsfeld Nutztierhaltung

Gastkommentar Dr. Kai Funkschmidt


Kai Funkschmidt plädiert für Respekt gegenüber anderen Überzeugungen.
-- , Foto: EZW
Kai Funkschmidt plädiert für Respekt gegenüber anderen Überzeugungen.

In Diskussionen um die Nutztierhaltung spielen auch weltanschauliche Fragen eine Rolle. Essen und Religion sind schon immer miteinander verknüpft. Es gibt fast keine Religion ohne Fastenbräuche und ohne Essensgebote. Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist in körperlicher und sozialer Hinsicht eine Grunddimension des Lebens und gemeinschaftsprägend. Wer isst mit wem? Wer sitzt wo – Ehrenplatz oder „Katzentisch“? Wer bestimmt, was gegessen wird?

Religionspsychologisch betrachtet, haben Speisegebote mehrere Funktionen. Sie erinnern Gläubige im Tageslauf gelegentlich an Gott. Sie dienen der Sichtbarkeit und dem Bekenntnis zum eigenen Glauben. Schließlich fungieren Speisegebote auch als Abgrenzung. Jeder Religion wohnt immer auch ein Hang zum Elitären inne, es gibt ein Innen und Außen – kurzum: Speisegebote stiften Identität.

Heute erleben wir etwas Ähnliches und zugleich Neues: Leute unterhalten sich in der Kantine mit fast religiösem Eifer über ihre Essgewohnheiten und verschiedene Anschauungen stehen gegeneinander. Vegan, bio oder regio? Paläo-Food, makrobiotisch oder Rohkost?

Differenzierte Trends

Zunächst geht es um das Thema Gesundheit, gut zu sehen am Fitnessboom bis hin zum „Fitnesswahn“; Ernährung ist ein Teil davon. Dahinter steht in der säkularisierten Gegenwart der Gedanke, dass alles, was ich erreichen kann, bereits hier im Diesseits geschehen muss. „Gesund essen“ belohnt mit langem Leben, Gesundheit und Schönheit, so die Hoffnung. Gesundheit wird zum Heilsversprechen. Das führt zu einer gewissen Gnadenlosigkeit im Umgang mit sich selbst. Ich bin meines Glückes Schmied – und mein Körper ist ein Teil davon. Es geht um Kontrolle über mich selbst: „Keine Fremdbestimmung!“ Wenn ich das Essen reglementiere, kann ich die Gestalt meines Körpers bestimmen. Dabei entstehen kleine Rituale, die spirituelle Züge haben, indem sie meinem Leben Sinn und Struktur geben.

Hinzu kommt das Thema Ethik. Dies lässt sich besonders gut an der veganen Bewegung zeigen. Ausgehend von der Frage der Tierrechte treten ethische Veganer für eine Ernährung ein, die ganz ohne tierische Produkte auskommt: weder Fleisch noch Fisch, weder Ei noch Milch noch Honig. Für diese „ethischen Veganer“ soll Veganismus neben dem individuellen Heil in Form der Gesundheit auch noch das Klima retten, die Umwelt schützen und eine weltweite Harmonie für Tiere und Menschen herbeiführen. Veganismus „macht Sie gesund, glücklich und zufrieden … rettet die Welt, beseitigt den Hunger und schafft Frieden,“ verspricht Jan Bredack, Gründer und Chef der „Veganz“-Supermarktkette in seinem Buch „Vegan für alle“.

Das Werk ist nach dem klassischen Strickmuster religiöser Bekehrungserzählungen aufgebaut: Vom sündigen, materialistischen Mercedes-Manager wird er zum Verkünder der neuen veganen Wahrheit. Dieser ethische Veganismus versucht alle tierischen Produkte im Leben von Lederkleidung bis zum Daunenkissen zu vermeiden. Wer das Ideal am radikalsten umsetzt wird von den anderen bewundert. Auch viele Vegetarier sehen zu solchen Veganern auf, weil diese perfekt umsetzen, woran sie selbst auch glauben.

In dieser Variante ist eine quasi-religiöse Abgrenzungsfunktion der veganen Weltanschauung unverkennbar. Unter dem Stichwort „Ich küsse keinen Fleischesser“ gibt es schon Dating-Webseiten für Veganer. Endogamie – Partnerschaft nur in der eigenen Gruppe – gehört zu typischen Merkmalen strenger Religionsgemeinschaften.

Toleranz überwiegt

Man isst also nicht nur vegan, sondern man ist Veganer – und versteht sich dabei durchaus als Elite im Gegenüber zu den fleischessenden Andersgläubigen, die bisweilen pauschal als „Tiermörder“ bezeichnet werden. Daher will man diese Vision dann auch per Straßenmission („Info-Stände“), in sozialen Netzwerken und im Freundeskreis verbreiten – was durchaus zu Spannungen führt.

Soziologen beobachten auch eine Art von „Konfessionskriegen“. Da beschimpfen Ethikveganer die Gesundheitsveganer als Egoisten, weil sie zwar das Richtige tun, aber aus den falschen Gründen. Etwas mehr Gnade finden bei ihnen die ethischen Vegetarier, die das Richtige wollen, aber es nicht ganz schaffen. Zumindest für Teile der veganen Bewegung kann man durchaus sagen, dass es sich um ein quasireligiöses Phänomen handelt, das umfassenden Lebenssinn stiftet sowie Heil und Rettung verspricht.

Das Beschriebene betrifft natürlich nur einen kleinen Teil der Szene. Viele Veganer sind ganz entspannt und essen mit gutem Gewissen, was ihnen schmeckt und gut tut und respektieren, dass andere Menschen andere Überzeugungen haben. Die Bibel würde sagen: recht so! „Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Prediger Salomo 3,13) Die vielzitierte „evangelische Freiheit“ gilt auch für das Essen. Wer glaubt, er könne sich durch Einhaltung von selbst auferlegten Essensgeboten das Heil sichern, wird feststellen, dass er so weder die Welt retten noch Lebensglück sicherstellen oder die eigene Gesundheit und Jugend ewig festhalten kann.

Gastkommentar Dr. Kai Funkschmidt, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin
stats