Peter Hieronymus ist Leiter Product Engineering im Unternehmen Claas E-Systems in Harsewinkel.
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Peter Hieronymus ist Leiter Product Engineering im Unternehmen Claas E-Systems in Harsewinkel.

„Produktivitätszuwachs“ – ein Faktor, der seit jeher als zentrale Motivation der landtechnischen Entwicklung fungiert, hat in jüngster Zeit völlig neue Dimensionen erreicht.

Allein beim Mähdrusch ermitteln Statistiker heute eine fünfmal höhere Ertragsleistung als noch zu Beginn der Siebzigerjahre. Stundenleistungen von 100 Tonnen Weizen, eine Rohstoffmenge, die genügt, um den täglichen Backwarenbedarf einer Millionenstadt zu decken, sind für Mähdrescher der Premiumklasse mittlerweile ein Leichtes.

Prozesse werden verknüpft

Treiber dieser Entwicklungsdynamik ist zweifellos ein technologischer Paradigmenwechsel, der kaum deutlicher ausfallen könnte. Waren es bislang vornehmlich mechanische und hydraulische Lösungen, die für schlagkräftige Ergebnisse zu sorgen hatten, so hat der Einzug intelligenter Steuerungs- und Regelungstechnik die Agrarwelt entscheidend verändert. Was wir heute zu leisten imstande sind, lässt sich auf den Zentimeter genau bestimmen: Beim Pflanzenschutz jede Düse separat regulieren zu können, Saatkörner einzeln auszubringen oder den Düngemittelbedarf punktgenau auf den tatsächlichen Schädlingsbefall abzustimmen – all das ist inzwischen möglich und vielerorts sogar bereits Standard.

Präzision, die sich früher allein dem individuellen Erfahrungsschatz des Landwirts verdankte, ist heute technisch reproduzierbar geworden. Was die Zukunft bringen wird, bedeutet allerdings eine weitere Stufe der Raffinierung, eine Verschiebung vom bisherigen Fokus auf einzelne Maschinen und Geräte hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung, einer intelligenten Vernetzung aller landwirtschaftlichen Prozesse. Nicht ohne Grund lassen sich schließlich schon heute schätzungsweise 90 Prozent der agrartechnischen Innovationsleistung auf „Bits und Bytes“ zurückführen.Kaum verwundern darf es insofern auch, dass Agrartechnik zunehmend als spannendes Zukunftsfeld der Informationstechnik gesehen wird. Über mehrere Meter erstreckt sich etwa der Besucherandrang, wenn es Mähdrescher oder Traktoren auf der Cebit zu bestaunen gibt. Vergleiche mit Flugzeugcockpits und Cybertechnologie sind dann zu vernehmen.Selbst wenn dabei die Faszination großer Maschinen eine nicht unwesentliche Rolle spielen dürfte, so verdeutlicht eine solche Szenerie doch ausgesprochen klar, wo wir heute stehen: an der Schwelle zu einer neuen Form von Landwirtschaft.

Intelligenz statt schierer Größe

Nehmen wir beispielsweise das komplexe Feld der Ernte- und Transportlogistik, das noch immer knapp die Hälfte der Arbeitszeit eines Landwirts in Anspruch nimmt: aus Effizienzgründen eindeutig zu viel. Dass sich dies in nächster Zeit wandeln wird, ist absehbar. Den Überladeprozess gewissermaßen im Vorbeifahren zu erledigen, ist nämlich keine bloße Vision mehr.Längst ist es möglich, jede Minute im Ernteprozess rechnergestützt zu takten. Selbst unvorhersehbare Vorkommnisse lassen sich auf diese Weise abfedern – sofern auf modernste Elektronik und Datenübertragung gesetzt wird. Intelligenz im Wortsinne entsteht allerdings erst dann, wenn der vernetzte Maschinenpark beginnt, lernfähig zu werden, sprich: in die Lage versetzt wird, auf wechselnde Szenarien in Echtzeit reagieren zu können. Macht man sich bewusst, dass ein aktueller Mähdrescher der größten Baureihe durchschnittlich alle zehn Minuten abgetankt werden muss, so kommt einer klug koordinierten Logistikkette eine kaum zu überschätzende Bedeutung zu. Der Bordcomputer des Mähdreschers verarbeitet dabei die per GPS-Signal ermittelten Orts- und Zeitkoordinaten für den Abtankvorgang, um diese Daten ohne Verzug über ein leistungsfähiges Mobilfunknetz oder eine direkte Funkschnittstelle an das Überladegespann übermitteln zu können.

Sollen Datenströme blitzschnell fließen – und diese Anforderung ist die Grundvoraussetzung der Landwirtschaft von morgen –, so sind entsprechend ausgebaute digitale Infrastrukturen natürlich unerlässlich. Anwendungsorientierte Kooperationen mit Profis aus der Telekommunikationstechnik sind eine logische Konsequenz, sofern sich etwas bewegen soll. Den Ausbau der Netzinfrastruktur gerade in ländlichen Gebieten mit Nachdruck zu forcieren, muss dem Agribusiness insofern ein ganz essenzielles strukturpolitisches Anliegen sein. Nur so wird es uns gelingen, aus vernetzungsfähigen Maschinen kommunizierende zu machen – ein Aspekt im Übrigen, durch den auch dem klassischen Kundendienst eine regelrechte Revolution bevorstehen könnte: „Augmented Reality“ lautet an dieser Stelle ein griffiges Schlagwort, hinter dem Online-Technologien stehen, die es beispielsweise erlauben, Wartungsinformationen direkt an einem konkreten Bauteil eines Traktors oder einer Landmaschine einzublenden. Eine App würde demnach genügen, um aus einem schlichten Smartphone ein praktisches Diagnosetool zu machen, das angefangen bei der Größe einzelner Schrauben und Muttern bis hin zum optimalen Reifendruck Bescheid weiß und kundig Auskunft erteilt.

Breitbandversorgung wichtig

Bei aller Euphorie darf jedoch die Komplexität des landwirtschaftlichen Produktionsgeschehens nicht außer Acht gelassen werden. Schließlich produzieren Landwirte nicht auf abgeschirmten Fertigungsstraßen: Technik, die auf Feldern und in Ställen eine Chance haben soll, muss robust, anpassungsfähig und vor allem sicher sein. Die Digitalisierung des Agribusiness, so viel sollte klar sein, steht gerade erst am Anfang. „Big Data“ und „Cloud Computing“ sorgen für anspruchsvolle Herausforderungen, denen wir mit analytischer Nüchternheit begegnen müssen. Technischer Erfindergeist und gut durchdachte Lösungen reichen dafür jedoch nicht aus. Vielmehr sind wir gefordert, belastbare Rahmenbedingungen in den Schlüsselfeldern Breitbandversorgung und Datensicherheit zu schaffen, um langfristig über verlässliche technische und rechtliche Infrastrukturen zu verfügen. Sie müssen den ambitionierten Anforderungen einer klug vernetzten Landwirtschaft im 21. Jahrhundert gerecht werden.

Gastkommentar Peter Hieronymus, Vorsitzender Technischer Ausschuss Elektronik im VDMA Landtechnik, Frankfurt a.M.
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