Report Pflanzenschutz in der Saison

Gastkommentar Volker Koch-Achelpöhler


An eine Science-Fiction-Parodie erinnert Volker Koch-Achelpöhler vom Industrieverband Agrar (IVA) die Diskussion um Glyphosat.
-- , Foto: IVA
An eine Science-Fiction-Parodie erinnert Volker Koch-Achelpöhler vom Industrieverband Agrar (IVA) die Diskussion um Glyphosat.

Endlich hatte man die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und allem anderen gefunden. Und die lautete: 42, jedenfalls in der Science-Fiction-Parodie „Per Anhalter durch die Galaxis“, an die ich in diesem Sommer häufig denken musste. Darin beantwortet ein Supercomputer die Frage aller Fragen. Als er nach langem Rechnen die Antwort – eben: 42 – ausspuckte, fiel auf, dass man gar nicht mehr wusste, was denn bitteschön die Frage war. Ähnlich war es in diesem Sommer, als zur besten Saure-Gurken-Zeit Menschen, die vorher vermutlich nicht einmal von der Existenz einer Substanz namens Glyphosat wussten, nach deren sofortigem Verbot riefen.

2A sagt so wenig wie 42

Auslöser war eine Veröffentlichung der International Agency for Research on Cancer (IARC), einer Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die nach der Auswertung der wissenschaftlichen Literatur zu der Einschätzung kam: „Glyphosate is probably carcinogenic to humans (Group 2A)“ – also wahrscheinlich krebserregend.

Dabei kann man mit „2A“ genauso wenig anfangen wie mit „42“, wenn man nicht weiß, was denn die Frage war. Denn immerhin haben Bewertungsbehörden in aller Welt, zuletzt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und zuvor das „Joint Meeting on Pesticide Residues“ (JMPR), das innerhalb der WHO für die Bewertung von Pflanzenschutzmitteln maßgeblich ist, seit Jahren immer wieder bestätigt, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Wie also kann man diese Diskrepanz erklären?

Aufschluss gibt ein Blick in die so genannte Präambel der IARC-Monografien, die Ansatz und Vorgehen beschreibt. Gleich auf den ersten Seiten wird klargestellt, dass es um die Identifikation potenzieller Krebsgefahren geht und ausdrücklich nicht um Krebsrisiken. Dem Laien mag diese Unterscheidung haarspalterisch vorkommen; für eine Risikobewertung ist jedoch die Betrachtung der Exposition unerlässlich. Diese aber lässt IARC ganz ausdrücklich außer Betracht – und das ist die „Frage“, die man kennen muss, wenn man die Antwort „2A – wahrscheinlich krebserregend“ verstehen will. Sie ist gerade nicht das Ergebnis einer Risikobewertung – und erst recht keine Warnung der WHO, wie vielfach behauptet wurde.

Begriffe führen in die Irre

In der politischen Debatte taten dann einige so, als könne man den IARC-Terminus ohne weitere Erklärung in die Alltagssprache übernehmen. Dass er von den IARC-Wissenschaftlern aber anders gebraucht wird, zeigt sich an der Benennung der niedrigsten Gefahrenklasse4. Diese heißt nicht etwa „nicht krebserregend“, sondern nur „wahrscheinlich nicht krebserregend“ – was für den Laien auch nur nach lauwarmer Entwarnung klingen dürfte.

Vergeben wurde diese Klassifizierung in den vergangenen gut 40 Jahren bei über 900 Untersuchungsgegenständen übrigens nur einmal – alles andere wurde entweder als nicht klar klassifizierbar oder als möglicherweise, wahrscheinlich oder eben eindeutig krebserregend klassifiziert.

Medien besonders gefordert

Fach- und Wissenschaftssprache müssen der Allgemeinheit erklärt werden, Forschungsergebnisse in einen Kontext gesetzt werden. Diese – gewiss nicht leichte – Aufgabe sehe ich bei den Medien. Doch gerade die Journalisten werden von interessierter Seite gern mit Erläuterungen und Lesarten zu Studien bedacht, die einer seriösen Überprüfung nicht standhalten.

So hatte irgendwer in die Welt gesetzt, die Glyphosat-Bewertung des BfR stütze sich unter anderem auf „Leserbriefe“. Einige Tageszeitungen schlossen daraus, es handele sich um dieselbe Art und Qualität von Leserbrief, die – mal willkommen, mal belächelt – in großer Zahl in die Redaktionsstuben flattert. Tatsächlich aber unterziehen wissenschaftliche Magazine ihre Zuschriften vor Veröffentlichung einer rigorosen fachlichen Prüfung. Das mag bei Tageszeitungen anders sein; das Missverständnis hätte aber durch journalistische Recherche aufgeklärt werden können.

Volker Koch-Achelpöhler, Hauptgeschäftsführer des IVA
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