Report Pflanzenschutz in der Saison

Gastkommentar Volker Koch-Achelpöhler

Volker Koch- Achelpöhler: „Wir brauchen mehr Klarheit, eine Kurskorrektur und bessere Perspektiven für die Zukunft.“
-- , Foto: IVA
Volker Koch- Achelpöhler: „Wir brauchen mehr Klarheit, eine Kurskorrektur und bessere Perspektiven für die Zukunft.“

Fangen wir mit einem Argument an, das dem regelmäßigen Leser dieser Fachzeitschrift wohlbekannt ist: „Das ist ökologisch völlig unbedenklich und etwa so gefährlich wie Kochsalz.“

Keine Sorge, hier soll es nicht wieder um Glyphosat gehen (das, nebenbei, eine geringere akute Toxizität hat als Kochsalz). Das Kochsalz-Argument führten in diesem Sommer vor allem Interessenvertreter der Biolandwirtschaft an, die zur Pilzkontrolle in Wein oder Kartoffel gerne wieder Mittel mit dem Wirkstoff Kalium-Phosphonat eingesetzt hätten. Denn angesichts der extremen Niederschläge war eine Bekämpfung mit den aktuell im Öko-Anbau zulässigen Fungiziden, vor allem Kupfer, kaum mehr möglich. Das heißt nichts anderes als: Ohne (chemische) Pflanzenschutzmittel hätten Bio-Betriebe bei einigen Kulturen in vielen Regionen in diesem Jahr Totalausfälle melden müssen.

Doch egal, ob die Betriebe ökologisch oder konventionell wirtschaften, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, brachte es bei der Vorstellung der Erntebilanz 2016 auf den Punkt: „Dass wir überhaupt was ernten können in diesem Jahr, haben wir dem Pflanzenschutz zu verdanken.“ Und auch in den Bilanzen der Landesbauernverbände, die nach und nach an die Öffentlichkeit gehen, fehlt nie der entsprechende Hinweis: So unbefriedigend das Ergebnis in einigen Regionen auch war, ohne den noch verfügbaren Pflanzenschutz wäre die Ernte ein – zumindest ökonomisches – Desaster geworden.

Drei Lehren für die Zukunft entnehme ich der Erntebilanz 2016 für die Pflanzenschutzdebatte: Wir brauchen mehr Klarheit, eine Kurskorrektur und bessere Perspektiven für die Zukunft.

Stichwort Klarheit: Dass auch Ökobetriebe nicht ohne chemischen Pflanzenschutz auskommen, weiß jeder, der vom Fach ist. Aber vier von fünf Verbrauchern, so zeigt eine aktuelle Umfrage des IVA, glauben, das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen konventionell und ökologisch wäre der „Verzicht auf Pestizide“.

Klarer und wünschenswert wäre es, wenn sich nicht nur die Anbauverbände, sondern auch die Agrarpolitiker aus allen politischen Lagern ohne Vorbehalt zu der für manchen unbequemen Wahrheit bekennen würden: Nein, es geht nicht ohne chemischen Pflanzenschutz; wir brauchen diese Mittel!

Stichwort Kurskorrektur: Wenn wir erleichtert feststellen, dass die konventionell wirtschaftenden Betriebe mit den ihnen zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmitteln die größten Schäden abwenden konnten, muss man hinzufügen: noch. Denn die Ausdünnung der Wirkstoffpalette im Zuge des europäischen Pflanzenschutzrechts hat erst begonnen. Wir haben uns ein rigides Regelwerk geschaffen, durch das den Landwirten immer weniger wirksame Mittel zur Verfügung stehen. Beispiel dafür ist die schon lange währende Diskussion über die Kriterien für Endokrine Disruptoren, die von außen betrachtet akademisch wirken mag, in der Praxis aber massive Konsequenzen für die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln, insbesondere von Fungiziden, haben wird.

Die Folgen spürt man erst in an Kalamitäten reichen Jahren. Und wer, wie der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Robert Habeck, angesichts der Erntebilanz für seinen politischen Ladenhüter Pflanzenschutzsteuer wirbt, muss sich fragen lassen, ob er die Zeichen der Zeit erkannt hat. Innehalten und Kurskorrektur wären das Gebot der Stunde; denn wenn man auf dem falschen Weg ist, bringt es nichts, einfach nur schneller zu laufen.

Und das bringt mich zum dritten Stichwort: der Perspektive. Der Verbraucher, so beruhigte ein Kommentator im Fernsehen, müsse sich nicht um steigende Preise sorgen, denn die mäßigen Getreideernten könnten spielend durch Importe ausgeglichen werden. Für den Landwirt ist das kein Trost. Er braucht derzeit vor allem ein politisches Bekenntnis zum Erhalt der heimischen Agrarproduktion. Ihm müssen die Betriebsmittel zur Verfügung stehen, mit denen er auch in schwierigen Jahren konkurrenzfähig produzieren kann. Ohne modernen Pflanzenschutz wird das nicht möglich sein.

Es ist Zeit für Klartext.
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