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BFAV nimmt Stellung zu den verschiedenen Aspekten einer Impfung - Veterinärhygiene ernster nehmen

31. März 2001; Prof. Thomas C. Mettenleiter, Präsident der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere auf der Insel Riems

Ob durch flächendeckende Impfungen die derzeit grassierende Maul- und Klauenseuche eingedämmt werden kann - diese Frage beschäftigt Politiker, Landwirte und Wissenschaftler gleichermaßen. Der Präsident der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere auf der Insel Riems, Professor Thomas C. Mettenleiter, führt nachfolgend auf, welche Aspekte bei Impfungen bedacht werden müssen und inwieweit sie den gewünschten Erfolg bringen.

Bis 1991 wurde in Deutschland die Methode der flächendeckenden Schutzimpfung in Kombination mit der Tötung MKS-infizierter Tiere und entsprechenden strikten Verbringungsverboten zur Eliminierung der damals in den westeuropäischen Ländern endemisch vorhandenen MKS-Typen eingesetzt. Das jetzt in Großbritannien und in der Folgezeit auch in Frankreich und den Niederlanden festgestellte Virus, das wohl aus dem asiatischen Raum eingeschleppt wurde, unterscheidet sich deutlich von den "alten" europäischen MKS-Stämmen. Die damalige Impfung hätte demzufolge höchstwahrscheinlich hier keinen Schutz gebracht.

Für den Einsatz eines MKS-Impfstoffs müssen generell folgende Probleme benannt werden:

1. Der Impfstoff besteht aus einem inaktiviertem Virus mit all den bekannten Nachteilen von Totvakzinen hinsichtlich Einsetzen, Dauer und Belastbarkeit des Impfschutzes. Durch Impfung kann bei keiner Tierart eine sterile Immunität hervorgerufen werden, d.h. eine Infektion wird nicht verhindert. Darüber hinaus wird auch nicht verhindert, dass geimpfte Wiederkäuer zu Virusträgern werden und lange Zeit Virus ausscheiden können. Das heißt, die geimpften Tieren erkranken selbst nicht, sie verbreiten aber das Virus weiter und können andere Tiere infizieren. Das bedeutet, dass unter einer Impfdecke das Virus weiter zirkulieren kann. Solange es keinen verlässlichen Test zur Unterscheidung infizierter und vakzinierter Tiere gibt, kann eine MKS-Bekämpfung so nicht mehr durchgeführt werden.

2. Weltweit gibt es sieben Sero- und mehr als 60 Subtypen des MKS-Virus. Es ist unmöglich, gegen alle diese Typen mit einer Kombinationsimpfung prophylaktisch zu immunisieren. Die Situation ist insofern anders als vor einigen Dekaden, da der weltweite Personenverkehr und die damit verbundene Gefahr des Einschleppens eines x-beliebigen Virustyps drastisch gestiegen sind. So wurde beispielsweise 1996 auf dem Balkan ein A22-ähnliches Virus und im Juli 2000 in der griechischen Provinz Evros an der Grenze zur europäischen Türkei eine Einschleppung des Serotyps Asia entdeckt. In der Türkei treten zudem unter anderen die Stämme A Iran 97 und A Iran 99 auf, während der jetzige Seuchenzug in Europa durch den Stamm O Panasia hervorgerufen wird.
Obgleich ein Impfstoff auf der Basis eines "ähnlichen" Stammes in der EU-Impfstoffbank und einigen nationalen Impfstoffbanken in beschränkter Dosiszahl vorrätig gehalten wird, besteht eine prinzipielle Unsicherheit bezüglich der Wirksamkeit vorhandener Impfstämme gegen neueingeschleppte Feldstämme. Es sind also in diesem Zusammenhang durchaus keine "unbekannten", aber dennoch "neue" Varianten, die Infektionen hervorrufen können.

3. Es gibt nirgendwo die Kapazitäten, entsprechende Mengen Impfstoff für eine flächendeckende Impfung der in der EU vorhandenen Klauentierpopulation zur Verfügung zu stellen. Die Herstellung solcher Mengen von Impfstoff, die bei MKS immer das Arbeiten mit großen Mengen von hochvirulentem Virus beinhaltet, birgt jederzeit das Risiko einer zufälligen Erregerverteilung, trotz aller technisch möglichen Sicherheitsvorkehrungen. Zwischen 1977 und 1987 waren in der damaligen EG 39 Prozent der MKS-Ausbrüche "hausgemacht"!

4. Der Einsatz von Ringimpfungen zur Eindämmung eines Primärherdes kann sinnvoll sein, sofern nicht durch das Verbringen von Tieren oder durch passives Verschleppen des Virus seine Ausarbeitung bereits vor der Diagnoseeinstellung erfolgt ist. Genau das ist aber in Großbritannien passiert, so dass in diesem Szenario Ringimpfungen nicht helfen. Das Impfen zur Errichtung von sogenannten Sperrgürteln, das eine Einschleppung in bisher nicht betroffene Gebiete verhindern soll, kann eine Option sein. Bei all diesen Notimpfungen ist aber zu beachten, dass im Regelfall ein homologer Impfstoff nicht zur Verfügung steht und dass das Einsetzen des Impfschutzes einige Tage bis zu 2-3 Wochen (auch je nach Tierart unterschiedlich) dauern kann.

5. Auch wenn es derzeit anscheinend ziemlich unpopulär ist, Tierseuchenbekämpfung ist auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu sehen. Geimpfte Tiere (egal ob sie nun MKS-infiziert sind oder nicht) können nicht frei gehandelt werden. Es ist demnach eine sorgfältige Kosten/Nutzenanalyse anzustellen, welche positiven Effekte der Impfung (Reduktion der Symptome, Verringerung des Infektionsdrucks) den positiven Effekten der Nichtimpfung (kein zirkulierendes Virus, regionale MKS-Freiheit, frühzeitiges Erkennen einer Erregereinschleppung, Freizügigkeit des Handels innerhalb und außerhalb der EU) entgegenstehen.

6. Die Konsequenz aus den derzeitigen Erfahrungen sollte meines Erachtens primär sein, die Praxis der Transporte von Schlachttieren nicht zum nächstgelegenen Schlachthof, sondern zum Teil quer durch Europa kritisch zu hinterfragen. Transporte über lange Distanzen zusammen mit dem willkürlichen Zusammenbringen von Tieren aus verschiedenen Regionen/Ländern (Viehmärkte, Auktionen, Viehhandel ohne ausreichende Dokumentation) sind infektionsmedizinisch gesehen die größten Risikofaktoren. Impfung löst das Problem nicht, Impfung deckt es zu.

7. Die Keulung ist keinesfalls eine "antiquierte Praxis" in der Tierseuchenbekämpfung, sondern sie ist dort hilfreich, wo Infektketten schnell unterbrochen werden müssen. Dass die Fallzahlen im Vereinigten Königreich trotz Keulung von Hunderttausenden von Tieren noch nicht zurück gehen, liegt nach Meinung britischer Epidemiologen unter anderem daran, dass zwischen Erkennen der Symptome und Tötung der Bestände noch zu viel Zeit vergeht.

Zusammengefasst gibt es eine ganze Reihe von Gründen, einen Rückfall in die Impfzeit nicht zu befürworten. Es gibt aber auch eine Menge von Gründen, sich über Praktiken in der Landwirtschaft Gedanken zu machen und diese sinnvollerweise zu ändern. Dazu gehört auch, dass Landwirte die veterinärhygienische Absicherung ihrer Betriebe wieder ernster nehmen, dass die sowieso verbotene, aber weit verbreitete Unsitte der Verfütterung unerhitzter Speiseabfälle endlich als wirklich "archaische" Abfallbeseitigung gänzlich eingestellt wird und dass bei der ganzen Bevölkerung wieder ein heilsamer Respekt vor der Wirkung von Seuchen, auch in den Bereich der persönlichen Bewegungsfreiheit hinein, entsteht.

Für die Wissenschaft ist wichtig, dass die Entwicklung von Test-Systemen, mit denen geimpfte von infizierten Tieren unterschieden werden können, vorangetrieben werden muss. Die Vorteile der Nicht-Impfpolitik werden dann obsolet, wenn geeignete markierte Impfstoffe zur Verfügung stehen. Insofern ist die derzeitige Situation ein Boost für die Entwicklung dieser Impfstoffe. Dass das Konzept "Markierte Impfstoffe und Eradikation" funktioniert, zeigt deutlich das Beispiel der Aujeszkyschen Krankheit, die in der Vergangenheit große Schäden bei Schweinen angerichtet hatte, jetzt aber quasi ausgemerzt ist.
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