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Marktproblem bei Milch mit Hilfe der Politik lösbar

Agrarzeitung Ernährungsdienst 12. Juni 2004; Von Bernd Springer, Frankfurt a. M.

Innerhalb des genossenschaftlichen Verbundes gibt es weiterhin Konzentrationsbestrebungen. Über den Stand und weitere Perspektiven sprach die Agrarzeitung Ernährungsdienst mit Manfred Nüssel, Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV).

Nach zwei eher schlechten Jahren sehnen sich Landwirtschaft und Handel nach einer guten Ernte. Wie stehen die Chancen dafür?

Nüssel: Für die EU-25 wird eine Getreideernte von 270 Mio. t geschätzt, was einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 18 Prozent entspricht. Wir gehen davon aus, dass dies nicht in ein Überangebot münden wird, sondern dass diese Mengen dem Markt zugeführt werden können. In der Getreidevermarktung müssen wir berücksichtigen, dass wir mit einem ganz niedrigen Bestand in das neue Wirtschaftsjahr gehen, was durchaus auch noch einen Engpass bringen kann. Insgesamt wird aber die neue Ernte zu einer Entspannung des Marktes beitragen. Die Vermarktungskapazität insbesondere des genossenschaftlichen Handels ist heute gut. Was an Investitionen in den Getreidesektor geleistet wurde, ist hervorragend. Die genossenschaftliche Warenwirtschaft ist auch für künftige Herausforderungen, die sich beispielsweise aus der EU-Osterweiterung ergeben, gut aufgestellt.

Ein zukünftiger Faktor bei der Getreidevermarktung wird die Bioethanolerzeugung sein. Interessant wird in diesem Zusammenhang sein, wie sich die Futtermittel aus der Ethanolerzeugung am Markt platzieren lassen.

Welche Rolle spielt dabei die Energiepflanzenprämie?

Nüssel: Diese – das kann man nicht anders sagen – ist von Brüssel mittelstandsfeindlich ausgestaltet worden. Für 1.000-ha-Betriebe funktioniert das – keine Frage. Aber warum wurden nicht die guten Erfahrungen beim Raps genutzt, wo der Handel die Bündelung vornimmt und die Kautionen stellt? Alle Systeme sind darauf abgestimmt. Es ist für kleine Betriebe unvorstellbar, die Verträge mit den Verarbeitern abzuschließen, die dann die Kaution zu stellen haben. Ein Unternehmen, das Energiepflanzen verwertet, ist nicht daran interessiert, mit 1.000 Landwirten Verträge abzuschließen. Er wird also Schwierigkeiten bekommen, sich mit Rohstoff einzudecken. Aus diesem Grund werden auch die 45,- EUR Energiepflanzenprämie nicht beim Landwirt ankommen.

Doch größere Sorgen gibt es in der Milchproduktion. Ist Aldi Schuld, dass die Milchauszahlungspreise sinken?

Nüssel: Was hilft die Forderung: „Aldi soll mehr bezahlen“, wenn 20 Prozent Milch oberhalb des Verbrauchs produziert werden? Die berufsständische Forderung, dass sich die Verarbeiter absprechen müssten, damit der Handel bessere Preise zahlt, geht am Problem vorbei. Wir können den Markt nur gestalten, indem wir die Rahmenbedingungen verändern. Doch dabei muss die Politik mitspielen.

Auf der Verarbeitungsseite müssen wir weiter an der Kostenschraube drehen, damit wir wettbewerbsfähig anbieten können. Der Milchmarkt war bisher stark durch staatliche Eingriffe geprägt. Das hat auch dazu geführt, dass zurzeit einige Organisationen außerhalb des Deutschen Bauernverbands (DBV) nicht wissen, auf welcher Seite sie stehen. Die von ihnen organisierte Bündelung in der Erzeugerstufe bringt nicht so viel, wie die weitere Bündelung im Markt. Und in diese Richtung arbeiten unsere Unternehmen. Wir müssen sehen, dass wir mit unseren genossenschaftlichen Milchverarbeitern in Augenhöhe mit Arla und Campina kommen. Auch Bundeslandwirtschaftministerin Renate Künast ist bereit, uns dabei zu unterstützen. Ebenso unterstützt der DBV den Konzentrationsprozess in der Milchvermarktung. Von der Politik muss die Milchquote zu einem dynamischen Steuerungsinstrument entwickelt werden, ähnlich wie es bei der Stilllegungsfläche gehandhabt wird. Darüber hinaus dürfen die Exporterstattungen nicht gestrichen werden, weil gerade die erwähnten 20 Prozent Überproduktion dafür sorgen, dass die Erzeugerpreise verfallen, wenn ein Exportventil für Butter und Magermilchpulver nicht gegeben ist.

Wie sieht die Zukunft für die genossenschaftlichen Fleischzentralen aus?

Nüssel: In der Fleischwirtschaft sehen wir zurzeit nicht so gut aus. Hier müssen wir ehrlicherweise zugeben, dass die ehemaligen Anteilseigner der Nordfleisch ein Stück der Wertschöpfungskette verloren haben. Vielleicht ist es aber lehrreich, weil damit deutlich wird, dass den genossenschaftlichen Anteilseignern der Einfluss entzogen wird, wenn wir nicht in wirtschaftlicher Verantwortung damit umgehen.

Einen völlig anderen Weg geht nun die Westfleisch. Sie wird sich an einem Fleischwarenhersteller beteiligen. Es ist eben nicht damit getan, die Tiere zu schlachten. Die anschließende Wertschöpfung muss für das landwirtschaftliche Kapital mit erschlossen werden. Denn letztendlich wird dort das Geld verdient. Die Westfleisch ist hierbei unser Paradebeispiel, vorzeigbar in allen Bereichen. Sie ist rechtzeitig in den SB-Markt eingestiegen. In den SB-Bereich gehen mehr als 1.000 t pro Woche – Tendenz steigend. Im Süden haben wir das Stadium erreicht, dass die Südfleisch aus der akuten Liquiditätskrise heraus ist und eine gewisse Stabilität erreicht hat. Für die weitere erfolgreiche Entwicklung wird frisches Kapital gebraucht. Entweder, es wird von den heutigen Eigentümern aufgebracht, oder strategische Partner mit europäischer Dimension übernehmen das.

Wir befinden uns insgesamt in einer Situation, in der der Markt verteilt ist. Wenn beispielsweise die Südfleisch ihren Marktanteil vergrößern will, muss sie andere verdrängen. Wenn diese aber nicht wollen, geht es nur über den Preis und über die Rendite. Ein Problem im Fleischbereich ist, dass wir Anlagen stilllegen müssten, die noch nicht abgeschrieben sind, und gleichzeitig für die Zukunft investieren müssen. Durch die Entwicklung im SB-Bereich werden den Metzgern Märkte verloren gehen. Spätestens dann sind auch viele kommunale Schlachthöfe, die klassischer Weise Metzgerschlachthöfe sind, überflüssig.
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