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Dr. Jürgen Struck zur GVO-Zulassungspraxis

Ein Gespenst geht um in Europa. Sojaimporte können ab September eingeschränkt sein und mittelfristig sogar in großem Umfang entfallen. Auf mehr als 30 Mio. t Sojaschrot beläuft sich dessen Verwendung in der Tierernährung der EU-Länder. Es stammt fast ausschließlich aus Nord- und Südamerika. Darin enthalten sind auch gentechnisch veränderte (GV)-Sorten, welche eine Zulassung der EU besitzen. Während GV-Sorten in den USA und Argentinien nahezu flächendeckend angebaut werden, nehmen sie in Brasilien etwa zwei Drittel der Sojafläche ein. Jetzt kommen in Amerika neue Sorten mit zusätzlichen gentechnischen Veränderungen auf den Markt. Für diese GV-Sorten der 2. Generation besteht in Europa trotz positiver Bewertungen noch keine Zulassung. Faktisch dürfen sie selbst in Spuren nicht importiert werden – und das bei Nulltoleranz.

Diese Nulltoleranz bereitet den Importeuren Kopfzerbrechen. Denn das Saatgut der neuen Sojasorten, die Farmer im Frühjahr 2009 aussäen können, wird in den nächsten Wochen in den USA geerntet. Damit ist eine unbeabsichtigte Vermischung mit Konsumware praktisch nicht mehr auszuschließen. Das Problem eskaliert dann zur Ernte 2009, wenn die neuen Sorten im Konsumanbau stehen. Sojaimporte in die EU werden zunehmend zum unkalkulierbaren Risiko für die Handelsunternehmen. Nur Illusionisten können behaupten, dass Marktkräfte schon „irgendwie“ für einen Ersatz der ausfallenden Eiweißträger sorgen werden. Diese existieren schlicht nicht. Bereits im Juli 2007 veröffentlichte die Generaldirektion Agri der EU-Kommission eine Studie mit möglichen Konsequenzen für den Veredelungssektor in Europa für den Fall verringerter oder ausbleibender Sojaimporte. Im darin beschriebenen „Worst-Case-Szenario“ fiele die EU-Schweineerzeugung bereits 2009 um 30 Prozent. Die EU würde bei deutlich steigenden Preisen zum Nettoimporteur für Schweine- und Geflügelfleisch. Die Studie fand Gehör bei EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel, nicht jedoch bei Umweltkommissar Stavros Dimas, welcher als Fundamentalopponent gegenüber der Gentechnik bekannt ist. Die EU-Kommission, angelegt als Motor des institutionellen Systems der Gemeinschaft, erzeugt auf diesem Gebiet Stillstand. Die zuständigen nationalen Minister vertreten ihre Meinung anlassbezogen. Erst in dieser Woche verkündete Bundesagrarminister Horst Seehofer hinsichtlich der Importe von GV-Futtermitteln, sich wirtschaftspolitischem Druck nicht beugen zu wollen. Es geht dabei viel um öffentliche Meinung und nur wenig um die europäische Tierhaltung.

Kürzlich verglich Bernhard Krüsken, Geschäftsführer des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), Bonn, die Veredelungswirtschaft mit „Crashtest Dummies“. Man setzt einen Sektor in ein Testprogramm, lässt ihn mit hoher Geschwindigkeit vor eine Wand fahren und weiß anschließend mehr. Gespenstisch.

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