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Dietrich Holler zum Etikett "Ohne Gentechnik"

Nahrungsmittel sind fester Bestandteil religiöser Rituale: So verwandelt sich gewöhnliche Nahrung über „heilige Gefäße“ zu etwas ganz Besonderem. Auf Grund des nahezu religiös geprägten Feldzuges gegen moderne Biotechnologie dürfte dieses Phänomen bald auch an so profanen Orten wie den deutschen Discountern und Supermärkten zu beobachten sein. Mit dem Label „Ohne Gentechnik“, das Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer jetzt einführen will, steckt demnächst in Lebensmittelpackungen nicht nur etwas, das hoffentlich schmeckt und satt macht: Wer solche Produkte kauft, erhält auch gleich die Hoffnung auf eine bessere Landwirtschaft, wenn nicht gar auf eine bessere Welt mit dazu.

Damit lässt sich vorübergehend eine bestimmte Verbrauchergruppe gewinnen. Doch was passiert, wenn diese kritischen Konsumenten bemerken, dass sie einem Etikettenschwindel aufgesessen sind? Es ist ja bereits klar, dass gentechnisch veränderte Futtermittelzusatzstoffe wie beispielsweise Vitamine, Enzyme und Medikamente während der Produktion verwendet werden dürfen, wenn sie in der EU-Ökoverordnung zugelassen sind. Dennoch dürfen die mit gentechnisch veränderten Zusatzstoffen hergestellten Lebensmittel als gentechnikfrei gelten. Eine bemerkenswerte Großzügigkeit, sind doch die Gegner der Grünen Gentechnik gewöhnlich wesentlich resoluter in ihren Ansprüchen.

Wo bleibt die ansonsten so vehement geforderte und technisch nicht machbare „Nulltoleranz“? Die Verkünder einer „Landwirtschaft ohne Gentechnik“ könnten demnächst Ärger mit ihren oftmals zahlungskräftigen Jüngern bekommen, wenn diese erkennen, wie scheinheilig das neue Etikett ist.

Bis es dazu kommt, wird in der EU die Zulassung gentechnisch veränderter (GV-)Sojasorten noch ein wenig verzögert. Etwa 8 Prozent des in der EU verbrauchten Sojas sind frei von GVO. In Deutschland sind es mit rund 10 Prozent nur ein wenig mehr. Sollten den europäischen Landwirten künftig nicht ausreichend Proteinfuttermittel zur Verfügung stehen, gleichen Fleischimporte die heimische Nachfrage aus. Und ob es besser ist, wenn importiertes Fleisch mit GVO erzeugt wird, dürfte eine schwierige Glaubensfrage für jene werden, die diese Futtermittel von Europa fernhalten wollen.

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