Report Smart Farming Pflanze

„Große Holdings werden länger brauchen“

Die deutsche Ekotechnika AG will russischen Landwirten helfen, profitabler zu wirtschaften. Entscheidungs- und Anwendungsprozesse müssen automatisiert werden. Vorstandsmitglied Bjoerne Drechsler erläutert, wie das gelingen soll.

Bjoerne Drechsler
-- , Fotos: Ekotechnika
Bjoerne Drechsler

az: Welche technischen Möglichkeiten von Smart Farming sind speziell auf den russischen Äckern denkbar?

Drechsler: Grundsätzlich existieren bei der Flächenstruktur in Russland mit den großen Agrarflächen viele Herausforderungen, aber auch enorme Potenziale für Smart Farming. Die Anwendungen unterscheiden sich aber nur unwesentlich von denen in Amerika oder Europa.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung?

Drechsler: Die größte Herausforderung besteht unserer Ansicht nach in der Automatisierung von Entscheidungs- und Anwendungsprozessen. Der Arbeitsaufwand für eine manuelle Bearbeitung der Flächen ist sehr groß und deshalb schwierig in der Umsetzung. Daher liegt unser Augenmerk vor allem darauf, Agronomen bei den neuen Technologien Hilfestellung zu bieten.

Ein weiterer Faktor ist die Reduktion von Inputfaktoren und die dadurch entstehende enorme Möglichkeit, Kosten einzusparen. Da vor allem in Gebieten mit niedrigen Erträgen und unregelmäßigen Böden die Effekte am größten sind, gehen wir davon aus, dass das Thema Smart Farming auch außerhalb der Schwarzerde-Region in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen wird. In diesen Regionen besteht der größte Hebel, um über reduzierte Inputkosten die Profitabilität zu erhöhen. Da Ekoniva-Technika, die russische Tochter der Ekotechnika AG, in verschiedenen Regionen präsent ist, sehen wir hier für uns zukünftig ein hohes Umsatzpotenzial.


Wichtigster Lieferant für Ekotechnika ist der Landmaschinenhersteller John Deere.
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Wichtigster Lieferant für Ekotechnika ist der Landmaschinenhersteller John Deere.

Was könnte Smart Farming dort konkret bewirken?

Drechsler: Im Grunde kann Smart Farming bei allen Kulturen Anwendung finden. Die größten und schnellsten Effekte dürften aber wohl bei Getreide, Mais und Soja erzielt werden können. Hier sind insbesondere die variable Anwendung bei der Kali-, Phosphor-, Stickstoff- sowie Herbizid-Regulierung und die flexible Ausbringung des Saatguts hervorzuheben. Aber auch bei der Düngung gibt es sicherlich interessante und praktikable Anwendungen, die in naher Zukunft populärer werden sollten.

Im Idealfall kann der Faktoreinsatz um bis zu 20 Prozent reduziert werden und damit einen enormen Effizienzsprung vollziehen. Gleichzeitig wird das vorhandene Ertragspotenzial deutlich besser ausgenutzt und es kann frühzeitig identifiziert werden, wo sich der Einsatz beispielsweise von Dünger am meisten lohnt.

Sind die Landwirte fit für diese neuen Anwendungen?

Drechsler: Die kleinen und mittleren Landwirte sind hier sicherlich diejenigen, die die entsprechenden Technologien schneller implementieren und umsetzen werden. Dort arbeiten die Eigentümer meist direkt im operativen Geschäft mit, wodurch deutlich geringere Barrieren existieren. Große Holdings werden sicherlich länger brauchen, um Smart Farming in die derzeit bestehenden Prozesse zu integrieren. Hier sind vor allem die fehlende Flexibilität sowie die schwierige zentrale Steuerung die größten Herausforderungen. Natürlich ist es auch klar, dass gerade bei den Holdings das Potenzial durch die Skaleneffekte am größten ist. Bei unserem Schwesterunternehmen Ekosem-Agrar wird daher gerade ein Pilotprojekt mit Smart Farming geplant.


Ackern in russischen Weiten
Die Ekotechnika AG, Walldorf, ist die deutsche Holdinggesellschaft der Ekoniva-Technika-Gruppe, des größten Händlers internationaler Landtechnik in Russland. Hauptgeschäftsfeld ist der Verkauf von Neumaschinen wie Traktoren und Mähdreschern. Aber auch Melktechnik sowie Smart-Farming-Technologien sind im Portfolio zu finden. Darüber hinaus ist die Gesellschaft im Ersatzteilgeschäft sowie im Servicesektor aktiv. Im Jahr 2011 wurde das Landmaschinengeschäft von dem inzwischen eigenständigen Agrarsektor getrennt, der unter Ekosem-Agrar firmiert. Heute ist Ekotechnika mit rund 520 Mitarbeitern an zwölf Standorten in attraktiven Agrarregionen Russlands vertreten und erwirtschaftete 2015/16 einen Jahresumsatz von rund 117 Mio. €. Bjoerne Drechsler ist seit März 2017 Vorstandsmitglied von Ekotechnika.(Sz)

Auch Ekotechnika will den Fokus künftig stärker darauf legen. Gibt es hier schon konkrete Pläne?


Drechsler:
Natürlich widmet Ekotechnika dem Smart Farming große Aufmerksamkeit. Wir sind der Meinung, dass dieses Segment eine sehr gute Ergänzung zum Landtechnikhandel darstellt und neben dem Verkauf von zusätzlichem Equipment auch Beratungs- und Dienstleistungsmöglichkeiten bietet, die unsere Kunden und Partner näher an uns binden. Um mit unseren Kunden gemeinsam die Realisierung der Chancen aus dieser neuen Technologie nutzen zu können, haben wir eine eigene Abteilung ins Leben gerufen. Sie befasst sich ausschließlich mit dieser Thematik.

Ist die Größe der Felder vor Ort eine gute Voraussetzung dafür?

Drechsler: Wir sind der Meinung, dass die Größe der Felder eine gute Voraussetzung bietet. Wie eingangs beschrieben, ändern sich die Herausforderungen ein wenig, aber im Grunde sollten auch hier Skaleneffekte realisierbar sein.

In welchen Maschinensparten sehen Sie derzeit noch den größten Nachholbedarf, um Smart Farming zu etablieren?

Drechsler: Unserer Ansicht nach sind vor allem in den Segmenten Saatgutausbringung, Bodenkartierung, Düngung sowie bei Mähdreschern die existierenden Maschinenparks nicht kompatibel mit Smart Farming und müssten modernisiert werden. Smart Farming basiert auf dem Vorhandensein von vielen und richtigen Daten, um die Anwendungen und Eingriffe genau umzusetzen und vor allem auch die Resultate zu dokumentieren und zu verstehen.

Ich denke, dass aber auch die reine Beratung eine Zukunft hat. Wir sind bereit, unseren Kunden hier Dienstleistungen zu erbringen. Ein Beispiel wäre die Erstellung von Anwendungskarten und integrierten Lösungen von der Karte zum Traktor. Kunden, die nicht technisch versiert sind, haben mit Sicherheit Bedarf, diese Schritte auszulagern.


Die Fragen stellte Olaf Schultz
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