Horst Hermannsen zur Schwäche der Mühlenwirtschaft

Müller, einst umgeben von einer besonderen Aura souveräner Unternehmer, erwecken heute zuweilen den Eindruck, als seien sie „Ritter von der traurigen Gestalt“. Dem Gewerbe war noch nie richtig zu helfen. Dabei setzte der Staat alles daran, Unterstützung zu bieten. So wurden bereits 1957 das Mühlengesetz und 1972 das Mühlenstrukturgesetz verabschiedet. Stets ging es um Maßnahmen zur Schaffung leistungsfähiger Strukturen. Was zum Segen der Müller gedacht war, hat sich häufig ins Gegenteil verkehrt, da die Gesetze des freien Marktes missachtet wurden.

Seit Jahrzehnten ist die Branche erfolgreich bemüht, sich selbst zu schädigen. Wie ein Kind kann sich mancher freuen, wenn seine Mühle, seine Silos schon von Weitem sichtbar sind und den Kirchturm überragen. Die Frage „Wer ist der Größte im ganzen Land?“ scheint wichtiger zu sein als die wirtschaftliche Verfassung der Firma. Wer aber ein homogenes, austauschbares Produkt in immer größeren Mengen produziert, ohne die begrenzten Absatzmöglichkeiten zu berücksichtigen, schädigt nicht nur sich, sondern alle. Die Überkapazitäten am deutschen Mehlmarkt sollen bei knapp 30 Prozent liegen. So können die Mehlpreise auf Dauer nicht erhöht werden. Immer weniger handwerkliche Bäcker kaufen teures Mehl. In der Vergangenheit haben sie damit die niedrigen Preise für industrielle Verarbeiter, also ihrer größten Konkurrenz, subventioniert. Der klassische Bäcker verschwindet inzwischen täglich, weil er den Backfabriken nicht Paroli bieten kann. Schon deshalb geraten Mühlen in eine schwierige wirtschaftliche Lage. Und nun kommt auch noch das Bundeskartellamt mit seinen Geldbußen für die namhaften Unternehmen in Deutschland. Der Vorgang hat etwas zutiefst Tragisches an sich. Natürlich sind Absprachen beim Vertrieb von Mehl rechtswidrig. Die Wettbewerbshüter in Bonn konnten mithin nicht anders entscheiden, wie sie eben entschieden haben, zumal die wesentlichen Tipps aus der Branche selbst kamen. Wer indes die Verhältnisse in der Müllerei nur ein wenig kennt, der weiß, dass die Verantwortlichen bei ihren konspirativen Treffen zwar eine ganze Menge miteinander absprechen können. Allerdings – auch das lehrt die Erfahrung – fühlen sich nur die wenigsten an Vereinbarungen gebunden. Die Verbraucher wurden wohl kaum vom kartellwidrigen Verhalten der Müller geschädigt. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass die deutschen Mehlpreise zwischen 2001 und 2008 deutlich gestiegen sind. Eher war das Gegenteil der Fall. Die vom Kartellamt verhängten Geldbußen von 65 Mio. € werden nicht, wie vielleicht der eine oder andere hofft, den Strukturwandel beschleunigen. Eher könnte im Einzelfall der Wettbewerb um Mehlkunden sogar noch an Schärfe gewinnen. Die verhängten Bußgelder müssen ja wieder erwirtschaftet werden. Andererseits: Rohstofflieferanten und nicht zuletzt die Kreditversicherer zeigen sich wieder zuversichtlicher. Offensichtlich haben sie mit höheren Strafen gerechnet.

Es ist naiv zu glauben, die deutsche Mühlenwirtschaft sei nun aufgerüttelt und würde sich neu ordnen. Vielmehr wird das Hauen und Stechen nach einem kurzen, schockartigen Innehalten unvermindert weitergehen. Marktanteile werden wie immer über die Preisschiene gewonnen. Von einer einheitlichen Linie mit zukunftsorientierten Strukturen ist die Branche weiter entfernt als je zuvor.
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