Axel Mönch zu GVO-Spuren

Die Zitterpartie um einen Grenzwert für Spuren von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) geht weiter. Selten wurde ein Thema so hochgefahren. Aus jedem technischen Detail wird eine hochpolitische Affäre. Noch nie bekamen die Fachbeamten einer Ausschusssitzung in Brüssel so viel Aufmerksamkeit. Die Gentechnik macht es möglich.

Kurz vor der Abstimmung verschärften am Mittwoch in Brüssel die sich unversöhnlich gegenüberstehenden Interessenlager noch einmal ihre Argumente. Den Tierhaltern brennen die ohnehin hohen Futterkosten unter den Nägeln, weshalb sie unnötige Risiken bei der Einfuhr von Soja und Mais aus Amerika unbedingt beenden möchten. Umweltverbände deuten dagegen saubere Analysemethoden für GV-Spuren zum Einfallstor für vermeidliche Gifte in die EU um. Immerhin hat es die EU-Kommission nach drei Jahren des Zögerns gewagt, in den Hexenkessel von Gentechnikgegnern und -befürwortern ihren Vorschlag für einen Grenzwert hineinzu- legen. Der Vorschlag, der sich nur auf Futtermittel beschränkt und deshalb eine Minimallösung ist, wurde erstaunlicherweise nicht gleich verbrüht. Nur lassen es sich die EU-Mitgliedstaaten nicht nehmen, ausführlich „abzuschmecken“, peinliches Mäkeln an allem und jedem inbegriffen. Allein mit mehr Realismus und weniger Prinzipienreiterei werden die EU-Mitgliedstaaten eine gemeinsame Rezeptur finden. Eine Nulltoleranz entspricht einem Grenzwert von 0,1 Prozent. Das mag den Mathematiker kaum befriedigen, ist aber für den Händler mit agrarischen Massengütern logisch. Im Kommissionsvorschlag werden Analyseverfahren genauer beschrieben und die Kontrollen in allen EU-Mitgliedstaaten vereinheitlicht. Das ist bei anderen verbotenen Stoffen in der EU schon übliche Praxis und sollte auch für die Gentechnik gelten. Auch die Behauptung der Umweltverbände, die USA, Argentinien und Brasilien wollten ihren Umgang mit der grünen Gentechnik der EU aufstülpen, trifft in diesem Fall nicht zu. Die in Spanien gestoppten Schiffe hatten „Identity-Preseved“-Soja geladen, also Ware ohne GV-Sorten. Weder der böse Wille noch Schlamperei, sondern nur die Handelspraxis führten zum Eintrag von minimalen Spuren von damals in der EU noch nicht zugelassenen GV-Maissorten in den Sojabohnen.

Wenn Gentechnikgegner die strikte Nulltoleranz fordern, müssten sie konsequenterweise auf eine vollständige Trennung von Verladeeinrichtungen und Schiffen bestehen. Damit würden sie sich aber selbst die Suppe versalzen. Gerade die Einfuhr der gewünschten konventionellen Ware wäre dann wegen der immensen Transportkosten nicht mehr möglich. Der pragmatische Umgang mit GVO-Spuren ändert auch nichts an den strengen EU-Zulassungsverfahren. Im Gegenteil – erst wenn die EU im transatlantischen Handel nicht mehr gegen Wände anrennt, hat sie die Ruhe, neue GVO ausführlich zu prüfen. Es wäre zu hoffen, dass sich mit sachlichen Argumenten etwas mehr Gelassenheit einstellt. Die neue Ernte in Südamerika steht in den Startlöchern und mahnt eine Entscheidung dringend an.
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