Tierhaltung

Höchste Zeit für einheitliche Regeln

Die Entwicklungsperspektiven der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung in Deutschland waren kürzlich das Thema des Kuratoriums für Technnik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL). Auf der Jahrestagung in Berlin ging es um Hofaufgaben, die wachsende globale Nachfrage nach Fleisch und den Bio-Markt.
Stallsystem soll auf die Verpackung
Auf Akzeptanz auch bei Tierschutzverbänden stößt der vom KTBL entwickelte "Nationale Bewertungsrahmen". So spricht sich beispielsweise die Tierschutzorganisation Provieh für eine verpflichtende Kennzeichnung der Haltung von Nutztieren aus. Ein vierstufiges System soll ausweisen, aus welchem Haltungssystem das Tier stammt. Grundlage des Provieh-Vorschlages sind die Arbeiten des KTBL. (kbo)
Vor den rund 300 Teilnehmern beleuchtete Peter Spandau, Leiter Unternehmensberatung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, den aktuellen Stand der Dinge in der Nutztierhaltung. In den vergangenen 20 Jahren habe die Zahl der Milchkühe um etwa 20 Prozent abgenommen, die Zahl der Milchviehhalter sei hingegen in dem selben Zeitraum um 60 Prozent gefallen, führte er aus.

In der Ferkelerzeugung sei die Entwicklung noch dramatischer. Die Zahl der Sauenhalter sei von 1999 von knapp 64.000 auf 9.000 zurückgegangen. Bis zu 15 Prozent der in Deutschland gemästeten Schweine stammten inzwischen von importierten Ferkeln. „Bei der Bewertung dieser Zahlen müssen wir immer im Hinterkopf haben, dass hinter den Viehbeständen Menschen stehen, die auf ihren Höfen den Lebensunterhalt erwirtschaften müssen“, betonte Spandau.

Nur durch den erheblichen Anstieg in den produktionstechnischen Leistungen und einen massiven, einzelbetrieblichen Bestandsaufbau seien die Betriebe in der Lage gewesen, das Einkommen zu sichern. Künftige Tierwohlmaßnahmen und die Novelle der TA Luft werden die Nutztierhaltung nach Ansicht Spandaus weiter beeinflussen. Diese Maßnahmen seien aber nicht zum Nulltarif zu bekommen, so der Berater. Ein Direktzahlungssystem könnte sich an das Vergütungsverfahren anlehnen, das im Rahmen der „Initiative Tierwohl“ praktiziert wird, so sein Vorschlag. Denn eine Honorierung ausschließlich über höhere Produktpreise hält der Berater für unrealistisch.

Anerkennung wiederfinden

„Es wird weiter Veränderungen geben, diese sind aber nicht das Ende der Tierhaltung“, stellte Sven Guericke, COO Big Dutchman, fest. Denn die Wachstumsraten für den Schweinefleischverzehr seien beispielsweise für China, Ostasien, die Ukraine und Brasilien steigend. Gleichwohl werde Deutschland in Zukunft nicht mehr Exportweltmeister sein, prognostizierte er. Guericke sieht in der Rückverfolgbarkeit ein Pfund, mit dem es in Deutschland zu wuchern gelte. Dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Peter Bleser, lag es am Herzen, die Akzeptanz der Tierhalter in der Bevölkerung wiederherzustellen. Dass viele Landwirte sich in einer wirtschaftlich schwierigen Situation befinden und Bauern mit Nutztieren stigmatisiert würden, "schmerzt doppelt“, erklärte der Staatssekretär.


Um das Thema Anerkennung ging es auch Ewald Grimm vom Team Tierhaltung, Standortentwicklung, Immissionsschutz im KTBL. „Die Tierhaltungsbetriebe stehen zunehmend vor der Herausforderung, in der Bevölkerung und in der Nachbarschaft Akzeptanz zu finden. Sie sollen ihre Tiere in emissionsarmen und zugleich möglichst tiergerechten Ställen halten“, stellte er fest. Darüber hinaus müssen sie steigende Anforderungen von EU-Richtlinien wie NERC, NEC und IED sowie die Ansprüche der TA Luft erfüllen. Die Umsetzung der Immissionsvorgaben sei für die Betriebe mit großen Kosten verbunden, die bisher nicht durch höhere Erzeugerpreise kompensiert werden. Dabei seien die Strukturen in der Nutztierhaltung nicht einheitlich, es gibt eine regionale Konzentration, so Grimm, eine nationale Nutztierstrategie, in der das Zusammenwirken der verschiedenen Rechtsbereiche analysiert werde, dränge sich daher förmlich auf. 

Warnung vor großflächiger Unstellung auf Bio

Die Markt- und Einkommenspotenziale der ökologischen Tierhaltung waren schließlich das Thema von Naturland-Berater Jürgen Herrle. Er stellte fest, dass der Öko-Markt fast jedes Jahr im zweistelligen Bereich wächst. Spitzenreiter seien die Eier mit 11,7 Prozent, gefolgt von 6,8 Prozent bei Konsummilch. Fleisch- und Wurstwaren hinkten dagegen mit 1,3–1,8 Prozent hinterher. Er ist sich aber sicher, dass die Nachfrage nach Öko-Fleisch weiter steigen wird. Gleichwohl warnt er vor einer einseitigen Untertsützung der Umstellung in Deutschland. Denn die Landwirte in anderen europäischen Ländern könnten oft schneller auf Marktveränderungen reagieren können. Erfolgversprechend sei deshalb eine Umstellung nur mit garantierten langjährigen Abnahmeverträgen zu gesicherten Preisen, meint Herrle. (kbo)
stats