Pflanzenschutzmittelsteuer

Hohe Kosten ohne Nutzen

Eine Sondersteuer auf Pflanzenschutzmittel könnte Ackerbaubetriebe in einigen Regionen an den Rand des Ruins treiben und damit das Höfesterben in Deutschland beschleunigen. Ein veränderter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln dagegen wäre von der Steuer kaum zu erwarten. Sie würde lediglich die Agrarproduktion in Deutschland verteuern, aber kaum ökonomische Anreize setzen, um die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln einzuschränken. Das ist das vorläufige Fazit von Professor Oliver Mußhoff, der vom Industrieverband Agrar (IVA) mit einer wissenschaftlichen Bewertung der Studie „Einführung einer Abgabe auf Pflanzenschutzmittel in Deutschland“ des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) beauftragt wurde. Der Göttinger Agrarökonom stellte die Ergebnisse seiner Analyse heute im Rahmen eines Pressegesprächs auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vor.
Statistischer Trick lässt Verbrauch um 36 Prozet steigen
Nach Berechnungen des UFZ ist der Einsatz an Pflanzenschutzmitteln in den zurückliegenden Jahrzehnten um 36 Prozent angestiegen. Tatsächlich basiere diese Berechnung der auf einem statistischen Trick, nämlich der willkürlichen Wahl des Referenzjahres 1993, kritisiert Mußhoff. Denn 1993 sei, statistisch gesehen, ein Ausreißer-Jahr, in dem so wenig Pflanzenschutzmittel abgesetzt wurden wie in keinem anderen Jahr seit 1974. „Nähme man, ebenso willkürlich, als Referenz das Jahr 1987, das ein Ausreißer nach oben war, könnte man behaupten, dass der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in den letzten 30 Jahren um über zehn Prozent gesunken ist. Das wäre der gleiche statistische Trick, nur unter anderen Vorzeichen“, so Mußhoff.

Kritik an Qualität der UZF-Studie

Mußhoff sieht die wissenschaftliche Qualität der Studie kritisch und monierte eine „Vielzahl an inhaltlichen Unzulänglichkeiten“. Für irreführend hält der Agrarökonom die Ertragsvergleiche, mit denen in dem Gutachten argumentiert wurde. So behaupten die Leipziger Forscher, dass dänische Landwirte mit weniger Pflanzenschutzmitteln ähnlich hohe Weizenerträge erzielen wie deutsche Landwirte. Dieser Vergleich, so Mußhoff, leitet fehl, da sich die Standortbedingungen (Böden, Klima, Niederschläge) in vielen deutschen Regionen stark von denen in Dänemark unterscheiden.

Angebracht wäre seiner Auffassung nach ein Vergleich zwischen Dänemark und dem benachbarten Schleswig-Holstein. Dabei hätte sich dann nicht nur gezeigt, dass der Weizenertrag in Dänemark zuletzt rund 20 Prozent geringer ausfiel als in Schleswig-Holstein, es hätte auch darauf hingewiesen werden müssen, dass als Folge der dänischen Agrarwende Weizen dort heute kaum noch Backqualität aufweist und fast ausschließlich in der Tierhaltung verfüttert wird.

Der Agrarökonom sieht ein grundsätzliches Missverständnis der UFZ-Gutachter zum Pflanzenschutzmittel-Einsatz in der Landwirtschaft. Die Aufwandmengen werden im Rahmen der behördlichen Zulassung festgelegt und sollen die Wirksamkeit der Mittel sicherstellen. „Niemand käme auf die Idee, bei Medikamenten aus rein ökonomischen Erwägungen die vom Arzt verschriebene Dosis zu halbieren; das Risiko wäre zu groß, dass die heilende Wirkung ausbleibt und sich schlimmstenfalls Resistenzen bilden. Auf dieser Fehlannahme aber fußen die Überlegungen zur ökonomischen Lenkungswirkung einer Pflanzenschutzmittelsteuer“, erläuterte der Agrarökonom.

Pauschale Aussagen zu Auswirkungen

Für unzureichend hält Mußhoff schließlich die einzelbetriebliche Wirkungsanalyse der UFZ-Studie zur Pflanzenschutzmittelsteuer. „Viele der Annahmen der Leipziger Forschergruppe sind viel zu pauschal, um die Wirklichkeit der deutschen Landwirtschaft abzubilden. Wir halten es für notwendig, die betrieblichen Auswirkungen zu differenzieren nach Standort, Kultur, Produktionsverfahren und möglichen Anpassungsreaktionen der Landwirte“, erläuterte Mußhoff.

Flächen könnten brach fallen

Abzusehen sei beispielsweise, dass auf ertragsstarken Standorten die Pflanzenschutzmittelsteuer keine Auswirkungen auf die Einsatzmengen haben wird, sondern lediglich die Kosten für die Betriebe erhöht und damit ihr Einkommenspotenzial schwächt. „In Regionen mit schlechterer Bodenqualität und geringeren Niederschlägen, wie etwa in Brandenburg, könnten Flächen brach fallen, weil sie nicht mehr rentabel bewirtschaftet werden könnten“, schloss Mußhoff. Auch sei absehbar, dass behandlungsintensive Ackerkulturen wie Gerste von den Landwirten ersetzt werden durch Kulturen, die weniger Pflanzenschutzmittel-Anwendungen brauchen, zum Beispiel Mais. Und dann werde es schließlich Regionen geben, in denen die Rentabilität so weit sinkt, dass den Landwirten nichts anderes übrig bleibt, als ihren Betrieb aufzugeben.

Verlagerung der Produktion möglich

Die Einführung einer Pflanzenschutzmittelsteuer in Deutschland könnte damit gleichzeitig bedeuten, dass die Ackerfläche bei Handelspartnern in anderen Weltregionen ausgeweitet wird und so tropischer Regenwald abgeholzt werden müsste. Alle diese Folgen blieben in der UFZ-Studie unberücksichtigt. (SB)
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