Smart Farming Tier

Im Musterstall wird der Energiebedarf clever verteilt


Für die kluge Verknüpfung verschiedenster Datenstränge wollen Wissenschaftler die Milchviehhaltung unter die Lupe nehmen.
-- , Foto: Pixelio/Oliver Moosdorf
Für die kluge Verknüpfung verschiedenster Datenstränge wollen Wissenschaftler die Milchviehhaltung unter die Lupe nehmen.

Für Professor Jörn Stumpenhausen von der Landwirtschaftlichen Fakultät in Weihenstephan-Triesdorf befindet sich die Tierhaltung noch im Stall 3.0. Es sei zwar erstaunlich wie perfekt sich heute schon ein technisches System an ein biologisches andocke – zum Beispiel die Kuh an den Melkroboter. Dennoch will die Forschergruppe, in der Stumpenhausen mitarbeitet, nun die nächste Zahl erobern und den Weg in den Stall 4.0 aufzeigen. Ganz konkret steht Stall 4.0 für die optimale Zusammenführung vielfältiger Einzelsysteme, die für sich genommen bereits gut funktionieren. So sollen die Komponenten Robotik, Automatisierung, erneuerbare Energien, Tierwohl, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu einer gemeinsamen „Innovationsleistung“ vereint werden. Insbesondere das Energiemanagement wird dabei eine tragende Rolle spielen. Schon jetzt könne ein landwirtschaftlicher Betrieb dreimal so viel Energie erzeugen, wie er selber benötige, erklärt Stumpenhausen. Nun müsse ermittelt werden, wie sich die über Fotovoltaik, Windkraft und Biogas selbst gewonnene Energie klug auf den Stall verteilen lasse. Es gebe Systeme wie den Melkroboter, die permanent Strom verlangten. Der müsse schließlich 24 Stunden am Tag bei höchsten Ansprüchen an Hygiene und Robustheit funktionieren.

Futterautomat frisst wenig Strom

Andere Elemente, beispielsweise der Futterautomat, benötigten nur zu bestimmten Zeiten Energie. Solche Energie-, Stoff- und Datenströme will das Projekt aufschlüsseln und optimieren. „Wie lange kann ich die Fütterung verschieben, ohne dass sich die Tiere unwohl fühlen, wäre zum Beispiel eine ganz konkrete Forschungsfrage“, sagt er. Auf der anderen Seite können die landwirtschaftlichen Betriebe eine wesentlich bedeutendere Rolle für die regionale Energieversorgung spielen, indem sie ihre überschüssige Energie bei einem Versorger vor Ort einspeisen. Oder umgekehrt, indem sie überschüssige Energie in ihren Systemen speichern. Dafür eignen sich beispielsweise die Milchkühlanlage oder der Warmwasserspeicher. „Solch ein ganzheitlicher Ansatz kann von keinem Unternehmen alleine bearbeitet werden“, sagt Stumpenhausen. Das langfristige Ziel ist die Erstellung eines marktfähigen Produktes. In einem Musterstall für Kühe soll das perfekte Zusammenspiel begutachtet werden. Dieser wird in der Nähe von Weihenstephan errichtet.

Mit dieser Strategie hat sich die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gerade bei Bundesforschungsministerin Professorin Johanna Wanka beworben. Ihr Ministerium hat unter dem Titel „FH-Impuls“ eine Förderung über 100 Mio. € für innovative Fachhochschulen ausgeschrieben. Stumpenhausens Projekt, an dem auch die TU München beteiligt ist, hat bereits die Zwischenrunde der 20 besten Konzepte erreicht.


Konzept muss überzeugen
Bis zum 24. Mai 2016 muss die FH Weihenstephan ein ausführliches Konzept im Bundesforschungsministerium vorlegen. Im Sommer 2016 werden dann die zehn förderwürdigen Finalisten bekannt gegeben. Weihenstephan hat bereits die finale Auswahlrunde der 20 Besten erreicht. 81 wurden Bewerbungen eingereicht. Das Förderprogramm FH-Impuls soll dafür sorgen, dass sich Wirtschaft und Wissenschaft enger vernetzen. Dafür ist das Programm mit 100 Mio. € für forschungsstarke Fachhochschulen ausgestattet. (kbo)

Gelder fließen ab September

Im September wird entschieden, ob die beantragten Mittel über 2,8 Mio. € fließen. Dann könnten sich rund 20 Wissenschaftler dem komplexen Thema widmen. Auch die Gründung eines Instituts für Agrarsystemforschung ist geplant.

Stumpenhausen ist äußerst zuversichtlich. „Es wird uns wohl gelingen, dort durchzudringen“, sagt er. Dessen ungeachtet sind jetzt schon zwei Promotionen mit dem Stall 4.0 betraut und gerade in diesen Tagen werden Kooperationsverträge mit entsprechenden Unternehmen geschlossen. Welche das sind, möchte der Wissenschaftler zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten. (kbo)
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