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Agrarzensus bestätigt weiteres Fortschreiten des Strukturwandels - Betriebe werden größer und professioneller

15. Juli; Jörg Foshag, Paris

In Frankreich hat die Wachstumsschwelle landwirtschaftlicher Betriebe jetzt die Marke von 100 ha überschritten. Wie die jüngste Landwirtschaftszählung ausweist, nimmt nur noch die Zahl der Betriebe mit mehr als 100 ha zu, wogegen erstmals ein Rückgang der Betriebe zwischen 50 und 100 ha zu verzeichnen ist. Bei den Rechtsformen haben die Statistiker eine deutliche Zunahme der landwirtschaftlichen Gesellschaften mit beschränkter Haftung ermittelt.

Die Agrarzählung des Pariser Landwirtschaftsministeriums im vergangenen Jahr zeigt, dass seit 1988 ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe in Frankreich aufgegeben hat. Ihre Anzahl sank in den zwölf Jahren von über einer Million auf 664.000. Damit hat sich der Strukturwandel unvermindert fortgesetzt. Bei der 1979 vorgenommenen Zählung gab es noch 1,3 Millionen landwirtschaftliche Betriebe in Frankreich. Das Ministerium bezeichnet in seinem Bericht 400.000 Betriebe (60,2 Prozent) als "professionelle Betriebe". Dies sind Betriebe mit einer ökonomischen Größe, die einer Weichweizenfläche von mindestens 12 ha entspricht (Weichweizen-Äquivalent-Hektar) und die zumindest drei Viertel der jährlichen Arbeitszeit einer Person erfordert. Diese 400.000 Betriebe stehen für 95 Prozent des französischen Agrarpotenzials.

Große Betriebe wachsen am meisten

Die durchschnittliche Betriebsgröße nahm in Frankreich zwischen 1988 und 2000 jährlich um etwa 3 bis 4 Prozent zu. Heute liegt sie bei 42 ha, damals bei 28 ha. Betriebe mit mehr als 150 ha (Weichweizen-Äquivalent) machten im vergangenen Jahr 11 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe aus, im Jahr 1988 waren es noch weniger als 5 Prozent. Dieser Betriebstyp mit mehr als 150 ha steht heute für 45 Prozent des französischen Agrarpotenzials. Demgegenüber repräsentieren Betriebe mit weniger als 12 ha heute nur noch 2 Prozent des Agrarpotenzials, während sie vor 13 Jahren noch für 34 Prozent standen.

Interessanter noch als die durchschnittliche Flächenausstattung ist die Größenverteilung. Die Zahl der Betriebe mit mehr als 100 ha steigt ungebremst. Heute sind es 78800 Landwirtschaftsbetriebe in Frankreich, die mehr als 100 ha haben. Das entspricht gegenüber 1988 einer Zunahme um 80 Prozent. Bemerkenswert ist, dass das 100-ha-Limit eine Art Trennlinie für die Entwicklung zu sein scheint: Die Zahl der Betriebe mit weniger als 100 ha nimmt ab, die Zahl der Betriebe mit mehr als 100 ha nimmt deutlich zu. Dass die Größenklasse von weniger als 50 ha an Bedeutung verliert, war bekannt. Zum ersten Mal stellt sich jetzt aber heraus, dass auch die Zahl der Betriebe zwischen 50 und 100 ha in Frankreich zurückgeht.

Stärkere Spezialisierung

Der Agrarzensus des französischen Landwirtschaftsministeriums hat auch eine stärkere Spezialisierung der Betriebe festgestellt. Heute konzentrieren sich 20 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe auf den Marktfruchtbau, das heißt den Anbau von Getreide und Hackfrüchte. Aber immerhin noch 19 Prozent aller Betriebe weisen mehrere verschiedene Betriebszweige auf. Bei der Viehhaltung hat es allerdings einen stärkeren Strukturwandel gegeben. Die Zahl der Rindermastbetriebe ist um mehr als 40 Prozent von 504.000 in 1988 auf 282000 in 2000 zurückgegangen. Der Trend hat bereits vor der BSE-Krise eingesetzt. Der Höhepunkt der Krise im vergangenen Jahr ist in diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt.

Andererseits ist eine Konzentration der Produktion festzustellen. Dies gilt besonders für die bodenunabhängige Produktion, die insgesamt 3 Prozent der Betriebe ausmacht. Zwei Drittel der Schweinemast und der Geflügelmast werden inzwischen in solchen bodenunabhängigen Betrieben durchgeführt.

Brachfläche hat stark zugenommen

Ein Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Anbaufläche in Frankreich wird von den Betrieben des Marktfruchtbaus bewirtschaftet. Dieser Betriebstyp repräsentierte im vergangenen Jahr 60 Prozent des französischen Getreideanbaus. Andererseits haben mit der Reform der Agrarpolitik die Brachflächen seit 1993 "explosionsartig" zugenommen, wie das Agrarministerium feststellt. So lagen im vergangenen Jahr mehr als 1 Mio. ha in Frankreich brach, gegenüber 243.000 ha im Jahr 1988. Damals hat es jedoch noch keine Prämien für die Brachflächen gegeben.

Die gesamte Anbaufläche der französischen Betriebe ist von 1988 bis 2000 um 740.000 ha auf gut 30 Mio. ha zurückgegangen. Nach Auskunft des Ministeriums ist dies aber nicht in erster Linie auf den Rückgang der Zahl der Betriebe, sondern auf die Ausdehnung der Kommunen zurückzuführen. Damit sind auch landwirtschaftliche Flächen für Haus-und Straßenbau genutzt geworden. Es handelte sich größtenteils um wenig produktive Flächen, wie in Paris hervorgehoben wird.

Wandel bei der Rechtsform

Bemerkenswert ist die Entwicklung der Rechtsformen in der französischen Landwirtschaft. Die Familienbetriebe entwickeln sich zunehmend zu Kapitalgesellschaften. Besonders der "Landwirtschaftliche Betrieb mit beschränkter Haftung (EARL)" scheint sich durchzusetzen. Diese Betriebsform entspricht der GmbH und wurde 1985 geschaffen. 1988 zählte man 1500 Gesellschaften dieser Art, im vergangenen Jahr wurden 560.00 gezählt. Nach Meinung des Agrarministeriums ist es die Flexibilität, die den Erfolg der EARL ausmacht. Sie kann sich auf eine Person beziehen. Ein Ehepaar kann sich in ihr assoziieren. Jeder Gesellschafter ist an eventuellen Verlusten nur in Höhe seiner Einlage beteiligt.

Mit rund 100 ha je Betrieb sind die EARL im Durchschnitt drei Mal so groß wie die traditionellen Personengesellschaften, die neben den an Bedeutung verlierenden "Groupements agricoles d'exploitation en commun (GAEC)" immer noch die wichtigste Betriebsform in Frankreich darstellen. Die traditionellen Gesellschaftsformen gehen zurück, während die landwirtschaftliche GmbH offenbar eine große Zukunft hat. Weniger Beschäftigte

Die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten (Ganz- und Halbzeitbeschäftigte, aber ohne Saisonarbeiter) wird heute auf 1,3 Millionen veranschlagt. Dies sind 35 Prozent weniger als vor zwölf Jahren. Gleichzeitig geht die Arbeit mithelfender Familienmitglieder und auch der Ehefrauen in dem Betrieb zurück. Letzteres hängt mit dem Nebenerwerb vieler Frauen in anderen Industriezweigen zusammen. Eine Rolle spielt auch die Tatsache, dass viele Ehefrauen von jungen Landwirten heute nicht mehr aus der Landwirtschaft stammen und deshalb schon "von Hause aus" anderen Tätigkeiten zuneigen.

Die Ruhestandsregelungen haben zu einer Verjüngung des Alters der Betriebsleiter geführt. 53 Prozent der Betriebsleiter und ihrer Mitarbeiter sind weniger als 50 Jahre alt, gegenüber 43 Prozent im Jahr 1988. Andererseits nimmt die Produktivität weiter zu. Eine Vollarbeitskraft reicht heute beispielweise in Mittelfrankreich aus, um 49 ha zu bewirtschaften. Vor 12 Jahren waren es 33 ha.

Trend setzt sich künftig fort

Die jüngsten Krisen der Landwirtschaft - vor allem BSE und die Maul- und Klauenseuche - dürften dafür sorgen, dass das Tempo des Strukturwandels in Frankreich nicht abnehmen, sondern eher zunehmen wird. Gleichzeitig ist jedoch nicht zu übersehen, dass auch die Leistungsfähigkeit der französischen Landwirtschaftsbetriebe steigt. Es geht dabei nicht nur um das Kriterium der Betriebsgröße; der Vorteil der ganz großen Betriebe wird in dem Zensus belegt. Vielmehr zeigt sich auch, dass beispielsweise in der Entwicklung der Gesellschaftsformen die Landwirtschaft sich den anderen Sektoren der Wirtschaft annähert. "Die Zeit der landwirtschaftlichen Sonderrolle geht zu Ende", fasst ein Agrarbeobachter den Trend zusammen. Freilich, die jetzt bekannt gegebenen Zahlen betreffen die Landwirtschaft insgesamt beziehungsweise rechnerische Durchschnittsgrößen. In Wirklichkeit verbergen sich hinter den - noch vorläufigen - Ergebnissen der Agrarzählung große betriebliche und regionale Unterschiede.
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