Report Milchstandort Deutschland

In der Krise geht Liquidität vor Rentabilität


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Tilgungsaussetzung, Tilgungsstreckung, Umschuldung, Liquiditätssicherungsdarlehen: Das alles sind Instrumente, mit denen die Banken den mehr als 73000 Milchviehbetrieben in Deutschland derzeit häufig aus der Patsche helfen. Denn seit Abschaffung der Milchquote im Frühjahr 2015 befindet sich der Milchpreis im Keller. Hinzu kommt, dass durch das Importembargo Russlands und den Wachstumsstopp in China wichtige Exportmärkte geschrumpft beziehungsweise vorübergehend ganz weggebrochen sind.


Wenn das Geld fehlt, können diese Maßnahmen helfen
Liquidität Futterbauern, Veredelungsbetriebe und Ferkelerzeuger können über ihre Hausbank Sonderkredite der Landwirtschaftlichen Rentenbank in Anspruch nehmen, wenn sie aufgrund niedriger Erzeugerpreise und/oder höherer Kosten, beispielsweise für notwendige
Futterzukäufe, Liquiditätsbedarf haben. Das Ergebnis des Betriebs muss um mindestens 30 Prozent eingebrochen sein. Laufzeit und Zinsbindung können vier, sechs oder zehn Jahre betragen mit einem tilgungsfreien Jahr.

Zuschüsse Bis zum 22.3. konnten Milch- und Fleischerzeuger, bei denen die Erzeugerpreise um mindestens 19 Prozent zurückgegangen sind und die ein Darlehen zur Liquiditätssicherung aufgenommen haben, einen Direktzuschuss bei der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft beantragen. Bei Milch werden die Preise des 2. Quartals 2015 und 2014 verglichen. Bei Fleisch gilt jeweils das 1. bis 3. Quartal 2015 und 2013. Der Zuschuss war auf 10 000 € begrenzt.

Bürgschaften Landwirte können über ihre Hausbanken für Investitionen neue Bürgschaften über insgesamt 400 Mio. € erhalten. Die Mittel kommen aus dem EU-Programm COSME, das von der EU-Kommission gefördert wird. Über eine Rückbürgschaft des Europäischen Investitionsfonds werden in den kommenden drei Jahren neue Kredite über 670 Mio. € ermöglicht. Bürgschaften verbessern die Bonität des Kreditnehmers und die Konditionen. (sp)

Tropfen auf den heißen Stein

Milchviehbetriebe, die in Not sind, können sich derzeit nicht mehr nur auf die Hilfe der Politik verlassen. Zwar reichte erst jüngst der Freistaat Sachsen einen Forderungskatalog beim Bundesrat ein, um Landwirte zu unterstützen. Doch mahlen die politischen Mühlen langsam. Und der Zuschuss des Bundes aus dem EU-Topf (siehe Kasten) von maximal 10000 € je Betrieb ist schlechter angenommen worden als erwartet – und vermutlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

„Bis Ende 2015 war es noch unerwartet ruhig, die Betriebe scheinen sich gut vorbereitet zu haben“, sagt Dr. Rüdiger Fuhrmann, Leiter Agrar-Banking bei der Nord/LB, im Gespräch mit der agrarzeitung (az). Nun würden die Mittel aber langsam knapp – selbst bei Betrieben, die hinsichtlich Liquidität gut vorgesorgt hätten, so Fuhrmann. Er rät seinen Kunden zunächst, alle Daten zum Betrieb parat zu halten: „Das Zahlenwerk muss da sein. Nur so können wir überblicken, ob es ein generelles Kostenproblem gibt oder ob finanzielle Engpässe allein wegen der Marktlage auftreten“, sagt Fuhrmann.

Wohldosiertes Fremdkapital

Auch sei es nicht immer sinnvoll, gleich ein neues Darlehen zur Liquiditätssicherung aufzunehmen, erklärt der Banker. „Wenn ein Betrieb zu viel Fremdkapital aufnimmt, könnte es ihm später auf die Füße fallen“, warnt Fuhrmann. Oft sei es auch hilfreich, Maßnahmen zu ergreifen, die zumindest kurzfristig gegen die Rentabilität des Hofes gehen: Getreide verkaufen statt überlagern oder Jungvieh abbauen zum Beispiel.

Auch Andrea Pellny, Teamleiterin Landwirtschaft bei der Bremer Landesbank, bestätigt: „Liquidität geht derzeit eindeutig vor Rentabilität.“ Um ihren Kunden aus finanziellen Engpässen zu helfen, würde die Bank häufiger als sonst die Tilgung von Bankdarlehen für einige Monate ganz aussetzen oder es den Kunden erlauben, die Tilgung über eine längere Laufzeit zu strecken, damit die monatliche Belastung für den Milchviehbetrieb geringer ausfällt.

Dr. Christian Bock, der bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank in Frankfurt den Bereich Fördergeschäft leitet, empfiehlt Betriebsleitern, bei dem derzeit historisch niedrigen Zinsniveau ein Liquiditätssicherungsdarlehen in Anspruch zu nehmen, bevor sie in Zahlungsschwierigkeiten geraten. „Bei einem Zinssatz von derzeit ab einem Prozent erhalten die Betriebe einen finanziellen Puffer, können ihre Rechnungen begleichen und gleichzeitig ihren Kapitaldienst für bestehende Darlehen sicherstellen“, erläutert Bock. (sp)
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