Report Anbaustrategien Kartoffeln

Intensive Vorleistung für ein sensibles Produkt


Mit der Kühlung schützen Johannes und Andreas Heers (r.) ihr Qualitätspflanzgut im Lager.
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Mit der Kühlung schützen Johannes und Andreas Heers (r.) ihr Qualitätspflanzgut im Lager.

Mehr als drei Kartoffeljahre haben Andreas Heers und sein Sohn Johannes in Groß Oesingen in Niedersachsen immer Blick. Soeben sind die ersten Vorbereitungen für die Auspflanzungen 2016 getroffen worden. Zugleich stehen noch ein paar Kartoffelkisten aus der Ernte 2014 in der Kühlhalle. Und draußen auf den Feldern wachsen in den Dämmen schon jene Pflanzkartoffeln heran, die im Herbst gerodet werden. „Jede Kartoffelsaison dauert hier weit mehr als zwölf Monate", betont Heers. Weil der Betrieb auch noch Vorstufenpflanzgut produziert, kommt sogar noch eine weitere Kartoffelgeneration hinzu.

Für den Anbau von Pflanzkartoffeln im Jahr 2016 haben amtliche Prüfer schon jetzt die Bodenproben gezogen. Schließlich soll die Pflanzgutvermehrung auf Flächen stattfinden, die frei sind von Nematoden. Das erwarten Kunden in Europa selbstverständlich. Für andere Lieferländer, beispielsweise in Osteuropa, muss zusätzlich nach der Ernte die Sieberde bei der Verladung untersucht werden. Die Untersuchung vor dem Anbau dauert vier Monate. Erst wenn das Ergebnis vorliegt, kann der Betriebsleiter den Anbau für 2016 planen.

Aktuell fordern die Bestände draußen die Aufmerksamkeit der beiden Heers. Denn die Erzeugung von hochwertigem Pflanzgut, wie sie hier für die Norika, die Nordring-Kartoffelzucht- und Vermehrungs- GmbH, Groß Lüsewitz, erfolgt, ist nur in vielen, sorgfältig geplanten Schritten erfolgreich. Ab dem Auflaufen müssen die Pflanzen vor Virusbefall und später vor Phytophthora geschützt werden. Die Bekämpfung der Virusvektoren orientiert sich an den Warnungen des amtlichen Dienstes, den Bedürfnissen der vermehrten Sorte und der Vermehrungsstufe. Denn selbstverständlich bekommt das Vorstufenpflanzgut noch besseren Schutz. „Im Umkreis wird ebenfalls nur gesundes Pflanzgut eingesetzt“, unterstreicht Andreas Heers die Wichtigkeit des näheren Umfeldes. Der Blick auf den aktuellen Vermehrungsbestand allein genügt keineswegs: Nach diesem milden Winter mussten viele Durchwuchskartoffeln auf den Kartoffeläckern des Vorjahres beseitigt werden. Über den Sommer hinweg ist Heers darauf bedacht, „dass nichts anbrennt“. Unkräuter und Phytophthora werden gewissenhaft bekämpft. „Die Qualität wird auf dem Acker gemacht“, betont er.

Wichtig für den Ertrag in der Pflanzkartoffelproduktion ist ein möglichst hoher Knollenansatz. Darum bekommt das Basis-Pflanzgut beim Legen mit der All-in-one nicht nur eine Beizung sondern auch eine Unter-Fußdüngung mit. Die Bestände werden zudem beregnet, damit sie durchweg gut versorgt sind. Der Maximalertrag mit kleinen Knollen in der Sortierung 35 bis 55 mm erreichen die Pflanzgutproduzenten vor allem mit einer höheren Pflanzendichte: Rund 50 Prozent mehr Pflanzgut verteuern schon die Auspflanzung um bis zu 1000 €/ha, kalkuliert Heers. Zweimal wöchentlich wird die Fraktionierung der angesetzten Knollen begutachtet. Denn die Knollen dürfen keinesfalls zu groß werden, sie sollen beim Kunden in die Pflanzmaschine passen. Darum muss das Kraut rechtzeitig abgetötet werden.

Noch vor dem Knollenansatz gehen die beiden Heers die Kartoffelfelder ab, berichtet der 27 Jahre alte Johannes Heers, der seine Mitarbeit im Betrieb gerade mit seiner Bachelorarbeit verbindet. Immer drei Reihen im Blick, prüfen sie, dass keine sortenfremde und keine kranke Staude in den Beständen steht. Darauf achtet auch der amtliche Prüfer, der im Sommer zweimal zur Feldanerkennung kommt. Er überwacht auch, ob das Vorgewende und die Fahrgassen frei sind, damit ganz sicher keine Kartoffelreihe überfahren wird. Nach der Ernte prüft die Landwirtschaftskammer die Knollen auf Virusfreiheit und bakterielle Erkrankungen.

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Die endgültige amtliche Anerkennung erhält das Pflanzgut erst, wenn der amtliche Prüfer sich bei der Verladung von der einwandfreien Qualität nochmals überzeugt hat. Bis dahin geht der Vermehrungsbetrieb eindeutig in Vorleistung. Die Kosten sind doppelt so hoch wie beim Anbau von Konsumkartoffeln. Darum ist die eigene Sorgfalt und Gründlichkeit zugleich ein Weg zur Risikoabsicherung.

Nach der Krautabtötung legen die Knollen noch drei bis vier Wochen an Schalenfestigkeit zu, bevor sie im geteilten Ernteverfahren vom Acker geholt werden. „Sie können auf Schwad gelegt schon vortrocknen“, erklärt Heers. Gerodet wird direkt in 1,5-t-Lagerkisten, damit die Knollen wenig Stress erfahren. Damit sie beim Aufnehmen aus dem Schwad keinen Schaden nehmen, hat Heers die Flächen vor dem Pflanzen und nach der Zwischenfrucht Ölrettich entsteint.

Die frische Ernte wird in Groß Oesingen gründlich und in mehreren Stufen getrocknet und gekühlt. „Dieser Prozess der Wundheilung dient der Gesundheit“, erklärt der Betriebsleiter die Bedeutung der Prozedur, die mehrere Wochen dauert. Dazu kommen die Kisten zunächst in einen Vorraum, dort wird auf 15 °C heruntergekühlt. In der Lagerhalle schließlich wird das Pflanzgut dann auf Lagertemperatur von 4 °C gebracht. Bei dieser niedrigen Temperatur und einer kontrollierten Luftfeuchte von maximal 95 Prozent verbringen die Knollen den Winter in Keimruhe. Die mechanische Kühlung ermöglicht, dass Trocknung und Abkühlung sicher gelingen.

Auch im Lager lässt der Betriebsleiter sein Qualitätsprodukt nicht aus den Augen. „Tägliche Kontrollen müssen sein“, lehnt er jede Nachlässigkeit im Umgang mit seiner sensiblen Ware bis zuletzt ab. Denn die Investitionen in das sensible Produkt, die innerhalb von zwei Jahren angefallen sind, haben sich erst gelohnt, wenn die Ware ausgeliefert und abgerechnet ist. Der ganze Aufwand war aber vergeblich, wenn die Nachfrage ausbleibt. Für die Sorte Soraya, die für den russischen Markt gedacht war, konnte die Norika-Exportgesellschaft Norex neue Abnehmer finden. Aber darüber hinaus hat die europäische Kundschaft in diesem Niedrigpreisjahr am Pflanzgut gespart.

Das Risiko für Heers ist gesplittet, indem er neben Speisekartoffeln auch die Verarbeitungssorten Pelikan und Pirol vermehrt. Denn in den Verträgen mit den Verarbeitern ist der Pflanzgutwechsel Pflicht. Im Speisekartoffelanbau hingegen ist das Pflanzgut noch immer keine feste Größe in der Kalkulation. „Im Anbau von Mais oder Zuckerrüben käme niemand auf die Idee, am Saatgut zu sparen“, schüttelt Heers den Kopf. (brs)
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