Report Pflanzenschutz im Frühjahr

Interview Andreas von Tiedemann


Biologen entwickeln ein lebhaftes Interesse am Fachgebiet Pflanzenschutz. Prof. Andreas von Tiedemann erläutert im Gespräch mit der agrarzeitung (az), warum ihm das Sorgen bereitet. Er sucht händeringend Agrarwissenschaftler für eine lösungsorientierte Forschung.


Andreas von Tiedemann: „Mit angewandten Wissenschaften lässt sich kein Nobelpreis gewinnen.“
-- , Foto: Uni Göttingen
Andreas von Tiedemann: „Mit angewandten Wissenschaften lässt sich kein Nobelpreis gewinnen.“

agrarzeitung: Das Agrarstudium ist gefragt. Warum haben Sie denn Nachwuchssorgen?

Tiedemann: Studierende haben wir tatsächlich genug, aber der Arbeitsmarkt ist zurzeit sehr aufnahmefähig. Die meisten Absolventen wollen noch nicht mal promovieren. Sie gehen direkt nach dem Master, weil in der Wirtschaft eine feste Stelle lockt. Das ist schön für die jungen Leute, aber eine Katastrophe für uns. Wir haben an der Universität einen regelrechten ‚Brain Drain‘.

Was sind die Konsequenzen?

Tiedemann: In den kommenden Jahren müssen an zahlreichen deutschen Agrarfakultäten Lehrstühle neu besetzt werden, uns fehlt aber der akademische Nachwuchs. Die Lücke kann zwar gefüllt werden mit Bewerbern aus den Biowissenschaften. Dort wird viel zu viel ausgebildet. Ich mache mir aber große Sorgen, dass es dadurch zu einem Schwenk in der Ausrichtung kommt: weg von den systembezogenen Agrarwissenschaften hin zu den naturgemäß praxisferneren Biowissenschaften.

Profitieren Pflanzenbauer nicht von der Biowissenschaft?

Tiedemann: Natürlich freuen wir uns, dass in den vergangenen Jahren die Biologen ein sehr starkes Interesse an Phytopathologie entwickelt haben. Auf das molekularbiologische Wissen, das dort zur Interaktion zwischen Pflanzen und Pathogenen oder abiotischem Stress erarbeitet wird, können auch wir Agrarwissenschaftler zugreifen. Ich beobachte es aber mit Sorge, wenn die Phytopathologie aus dem agrarwissenschaftlichen Zusammenhang herausgerissen wird.

Den Anwendungsbezug könnte man doch aber einfordern?

Tiedemann: Wir haben hier ein Problem im System. Wenn Sie sich als junger Mensch wissenschaftlich qualifizieren wollen, dann müssen Sie sich spezialisieren. Das ist im Pflanzenschutz praktisch unmöglich, denn die Fragen lassen sich nur im System betrachten. Mit angewandten Wissenschaften lässt sich einfach kein Nobelpreis gewinnen. Biologen können viel leichter in den gängigen Rankings glänzen. Sie veröffentlichen in Journalen, die regelmäßig zitiert werden und größere Aufmerksamkeit erzielen. Nach den üblichen Leistungsparametern der Wissenschaft sind diese Kollegen klar überlegen. Aber sie können in der Regel nicht den Bezug zur Praxis herstellen. Wenn solche Wissenschaftler die Lehrstühle in der Phytopathologie besetzen, haben auch deren Studenten und der wissenschaftliche Nachwuchs diesen Bezug nicht mehr.


Zur Person
Andreas von Tiedemann (Jahrgang 1956) hat die wissenschaftliche Karriere mit Agrarstudium, Promotion und Habilitation gewählt. Nach einem Abstecher in die USA baute er von 1996 bis 2001 in Rostock den Lehrstuhl für Phytomedizin auf. Seither ist er Professor für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz an der Universität Göttingen. Darüber hinaus engagiert sich von Tiedemann in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die Internationale Vereinigung für Pflanzenschutzwissenschaften (IAPPS) zeichnete ihn 2015 für seinen Beitrag in Forschung und Lehre aus. Zum Göttinger Angebot gehört seit 2010 auch das englischsprachige Masterprogramm „Crop Protection“.

Was fürchten Sie konkret?

Tiedemann: Um Krankheiten im Feld zu verstehen, ist es unerlässlich, mit dieser Krankheit auch im Feld zu arbeiten. Dazu gehört Handwerkszeug wie die Durchführung von Feldversuchen. Biologen haben das oft nicht gelernt. Das führt dann – wie ich es ausdrücke – zur abgewandten Forschung. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es drückt aus, dass es zu einer Abkoppelung der Forschung vom Agrarbezug kommt. Wir forschen und lehren in Göttingen seit jeher lösungs- und problemorientiert. Eine andere Agrarwissenschaft kann es meiner Meinung aber auch gar nicht geben! Sie muss Lösungen für Landwirtschaft und Gesellschaft erarbeiten.

Was müsste passieren?

Tiedemann: Wir müssen Angebote machen können für Kandidaten, die wir als geeignet für eine wissenschaftliche Karriere in den Agrarwissenschaften betrachten. Wir brauchen Perspektiven für mindestens sechs Jahre – mit der Aussicht auf Verlängerung. Dann finden wir Leute. Ein gutes Beispiel dafür ist das aktuelle Programm ‚Innovationen in der Pflanzenzüchtung‘ des Bundesforschungsministeriums. Hier gibt es die Möglichkeit, für Nachwuchswissenschaftler Stellen für fünf Jahre zu beantragen. Solche Initiativen brauchen wir in viel größerer Zahl. Im Grunde müssten wir aber weiter denken und für die gesamten Agrarwissenschaften ein eigenes Nachwuchsprogramm auflegen.

Wie sind Sie mit Drittmitteln ausgestattet?

Tiedemann: Die Verfügbarkeit von Drittmitteln ist in Deutschland augenblicklich außergewöhnlich gut. Natürlich muss man initiativ und kreativ sein, um sie auch einzuwerben. Was mir allerdings in Deutschland nicht ganz so gut gefällt, ist die vielfach recht einseitige Ausrichtung auf den ökologischen Landbau. Obwohl der Ökolandbau nur sechs Prozent der Fläche stellt und wegen der geringeren Erträge nur drei Prozent zur Produktion beiträgt – das ist ein winziger Teil –, erfährt er in der Gesellschaft eine weit überproportionale Aufmerksamkeit. Ich will nicht sagen, dass es keine Ökoforschung geben soll. Aber der wissenschaftliche Output und gesamtgesellschaftliche Nutzen haben häufig nicht die Qualität und Relevanz, die sie haben sollten. Diese Drittmittel wären im Nachwuchsbereich mit Sicherheit besser untergebracht.

Das Gespräch führte Dagmar Behme
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