Report Pflanzenschutz in der Saison

Interview Maria Krautzberger


Aus Sicht des Umweltbundesamtes (UBA) ist die Pflanzenschutzintensität viel zu hoch. Im Gespräch mit der agrarzeitung (az) sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger, welche Schritte sie von Landwirten und Herstellern erwartet und wo sie die größten Blockaden erlebt.


Maria Krautzberger betrachtet das Fünf-Punkte- Programm als Angebot zum Dialog.
-- , Foto: UBA
Maria Krautzberger betrachtet das Fünf-Punkte- Programm als Angebot zum Dialog.

agrarzeitung: Landwirte sind überzeugt, nachhaltig zu wirtschaften. Das UBA stellt erhebliche Defizite fest. Wer hat Recht?

Krautzberger: Das UBA trifft wissenschaftlich fundierte Aussagen. Erst im Oktober haben wir eine Studie publiziert, die Bilanz zieht, wie sich die von der Landwirtschaft verursachten Umweltprobleme in den vergangenen 30 Jahren verändert haben. Dazu haben wir ein entsprechendes Sondergutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen von 1985 mit der gegenwärtigen Situation verglichen. Das Fazit: Die Situation hat sich in diesem langen Zeitraum zwar nicht grundlegend verschlechtert, aber eben leider auch nicht ausreichend verbessert. Und die biologische Vielfalt ist in Agrarlandschaften sogar dramatisch zurückgegangen.

Was läuft aus Ihrer Sicht schief?

Krautzberger: Wir wären ja schon froh, wenn diese Fakten in manchen Kreisen erst einmal akzeptiert würden. Wir haben im landwirtschaftlichen Bereich, was Umweltprobleme angeht, hauptsächlich ein Umsetzungsdefizit – kein Erkenntnisdefizit. Deswegen mischen wir uns in die Diskussion ein. Das haben wir getan im Kontext der Stickstoffbelastung aus der Landwirtschaft und eine Hoftorbilanz vorgeschlagen. Und das tun wir auch mit unserem Fünf-Punkte-Programm für einen nachhaltigen Pflanzenschutz.

Warum haben Sie das Papier jetzt veröffentlicht?

Krautzberger: Das UBA ist nach dem Pflanzenschutzgesetz einer der Akteure im Nationalen Aktionsplan – kurz NAP. Im Juni findet für die Halbzeitbewertung ein Midterm-Workshop statt. Das Fünf-Punkte-Programm zeigt dazu Wege auf, wie mehr Umweltschutz in der Landwirtschaft im Kontext des Pflanzenschutzes erreicht werden kann. Das wird offenbar nicht von allen Seiten gerne gesehen. Aber ich verstehe nicht ganz, warum man solch eine Diskussion verhindern will, denn die Fakten liegen ja vor. Ich glaube, dass gerade die bäuerliche Interessenvertretung schlecht beraten ist, wenn sie einfach darüber hinweggeht. Denn die Gesellschaft fordert von der Landwirtschaft eine stärkere Berücksichtigung von Aspekten des Umweltschutzes.


Zur Person
Maria Krautzberger (Jahrgang 1954) ist seit 2014 Präsidentin des Umweltbundesamtes in Dessau. Die gebürtige Oberbayerin hat Soziologie und Anglistik sowie Verwaltungswissenschaften studiert. Nach beruflichen Stationen in Wissenschaft und Verwaltung in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein war die SPD-Politikerin von 1999 bis 2011 Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Als UBA-Chefin nimmt Krautzberger auch Einfluss auf die Pflanzenschutzgesetzgebung. Das UBA ist seit 1998 Einvernehmensbehörde für die Zulassungen. (db)

Als einen Weg beschreiben Sie mehr Öko-Landwirtschaft. Sollen denn alle Landwirte umstellen?

Krautzberger: Natürlich wissen wir, dass 100 Prozent Öko-Anbau ein unrealistisches Ziel ist. Dazu müssten wir alle unsere Ernährungsgewohnheiten ändern. Aber es wäre durchaus wünschenswert, wenn wenigstens die heimische Nachfrage aus heimischer Erzeugung gedeckt würde. Es ist bedauerlich, dass bei uns die Ökolandwirtschaft bei etwa sechs Prozent Flächenanteil stagniert, obwohl der Bedarf ständig steigt – im Jahr 2015 gerade wieder um mehr als elf Prozent. Dann kann man sich schon fragen, warum wir den Weltmarkt bedienen müssen, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, den heimischen Bedarf mit Ökoprodukten zu befriedigen. In diesem Punkt sind wir übrigens mit dem Landwirtschaftsministerium gar nicht weit auseinander.

Ist denn der Ökoanbau grundsätzlich die bessere Landwirtschaft?

Krautzberger: Wir gehen schon davon aus, dass der Ökolandbau mit einem Plus für die Umwelt verbunden ist. Über eine Umstellung entscheidet aber allein der Landwirt, nicht die Politik. Die kann nur den Rahmen setzen. Doch auch in der konventionellen Landwirtschaft kann viel mehr passieren, um die ökologischen Kriterien zu bedienen. Nach dem Grundgedanken des integrierten Pflanzenschutzes sollte Chemie nur die Ultima Ratio sein. Das Prinzip ist leider verwässert worden, weil mittlerweile das Primat der Wirtschaftlichkeitsabwägung auf Betriebsebene gilt. Daraus wird dann ein ‚notwendiges Maß‘ für den chemischen Pflanzenschutz abgeleitet. Diesen Ansatz stellen wir in unserem Fünf-Punkte-Programm infrage. Denn was heute in der Praxis als integrierter Pflanzenschutz bezeichnet wird, geht bis auf einige Ausnahmen kaum über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus.

Wenn durch höhere Auflagen Erträge und Qualitäten sinken – wer gleicht die Einbußen aus?

Krautzberger: Es geht hier um zwei Themen. Erstens muss auch in der Landwirtschaft das Verursacherprinzip gelten. Die Landwirtschaft darf nicht das Recht haben, die Umwelt so zu belasten, dass akzeptable Grenzwerte überschritten werden. Da kann man keinen Sonderstatus schaffen. Die Landwirte reklamieren dann immer Mehrkosten. Das mag sein. Ich sehe auch, dass die derzeitigen Lebensmittelpreise viel zu niedrig sind. Die externen Kosten der Agrarproduktion, die durch die Umweltschäden entstehen, werden ja keinesfalls über die Lebensmittelpreise abgegolten, sondern von der Allgemeinheit getragen. Damit kommen wir zu dem zweiten Thema. Umweltleistungen von Landwirten, die über gesetzlich zu verankernde Mindeststandards hinausgehen, müssen natürlich entsprechend honoriert werden. Erreichen können wir das aber nur durch einen Umbau im gesamten Fördersystem für die Landwirtschaft. Dazu müssen die zweite Säule in der EU-Agrarförderung stärker gewichtet und Mittel aus der ersten Säule umgeschichtet werden. Es wäre wünschenswert, wenn Deutschland bei der nächsten GAP-Reform eine konstruktive Rolle in dieser Richtung einnimmt.

Welche Erfahrungen machen Sie, wenn Sie Ihre Vorschläge vor Landwirten präsentieren?

Krautzberger: Ich treffe bei Veranstaltungen immer wieder Landwirte, die vorbildlich arbeiten. Dazu gehört beispielsweise die jährliche Verleihung des WWF-Preises ‚Ostseelandwirt des Jahres‘ – unter den bisherigen Preisträgern befinden sich übrigens auch konventionelle Landwirte. Anders erlebe ich Begegnungen mit dem Präsidium des Deutschen Bauernverbandes. Da kommt mir mehr Widerstand entgegen. Schön wäre es, wenn die Interessenvertretung der Landwirte aufhört, die Kollegen zu verteidigen, die sich am wenigsten um die Umwelt bemühen. Wir alle im UBA würden uns wünschen, dass sich der Bauernverband mehr an den Kollegen orientiert, die in ökologischer Hinsicht zu den Vorreitern zählen.

Müssen Hersteller von chemischem Pflanzenschutz um ihre Absatzmärkte bangen?

Krautzberger: Wir sagen doch nicht: ‚Chemischen Pflanzenschutz darf es nicht geben‘. Wir akzeptieren, dass es ihn gibt, und wir machen einen Vorschlag, wie man damit umgehen kann – und zwar in einer umweltverträglichen Art und Weise. Unser Fünf-Punkte-Programm zum Pflanzenschutz ist ein Angebot zum Dialog. Das ist nicht als Konfliktpapier geschrieben. Natürlich sinkt bei der Umsetzung der Vorschläge der Absatz von Pflanzenschutzmitteln. Doch das Beharren auf einem Status quo oder gar einer Erweiterung von Absatzmärkten mit Pflanzenschutzmitteln, die aus guten Gründen in die Kritik geraten sind, hilft der chemischen Industrie nicht weiter. Die Zukunftsperspektive einzunehmen heißt auch, verstärkt die Nachhaltigkeit mit in den Blick zu nehmen. Das ist der Dialog, den wir uns wünschen.

Das Gespräch führte Dagmar Behme



Fünf Vorschläge des UBA für eine verringerte Intensität im Pflanzenschutz

Das Umweltbundesamt (UBA) hat im Januar sein „Fünf-Punkte-Programm für einen nachhaltigen Pflanzenschutz“ veröffentlicht. In dem 36-seitigen Positionspapier fordert das UBA eine deutlich verringerte Intensität. Alle fünf Punkte haben es in sich.

Nicht akzeptabel ist für das UBA die heutige Definition des „notwendigen Maßes“ im Pflanzenschutz. Es beschreibt laut Julius-Kühn-Institut (JKI) die Intensität der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, die „notwendig ist, um den Anbau der Kulturpflanzen, besonders auch vor dem Hintergrund der Wirtschaftlichkeit, zu sichern“. Das UBA sieht hier eine „unangemessene Legitimation für die Abhängigkeit der konventionellen Landwirtschaft vom chemischen Pflanzenschutz“.

In der heutigen Umweltprüfung von Pflanzenschutzmitteln stellt das UBA Bewertungslücken fest. Es fordert, die Umweltrisiken, die aus der Intensität des chemischen Pflanzenschutzes in seiner Gesamtheit in Deutschland resultieren, besser zu beschreiben. Gefährliche Wirkstoffe seien „gemäß Ausschlusskriterien“ auf europäischer Ebene zu verbieten.

Das UBA will den chemischen Pflanzenschutz nicht vollständig verbannen. Es fordert aber die „bestmögliche Ausschöpfung der technisch verfügbaren und wirtschaftlich zumutbaren Optionen zum Risikomanagement“.

Einschneidend sind die Vorschläge zum Schutz der Biodiversität. Das UBA hält die bisherigen Greening-Vorschriften der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für nicht ausreichend. Einzelbetrieblich zumutbar seien ökologische Ausgleichsflächen von mindestens 10 Prozent der Ackerfläche, auf denen keine Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden.

Schließlich ist das UBA überzeugt, dass die externen Kosten des Pflanzenschutzes zurzeit nicht nach dem Verursacherprinzip abgegolten werden. Um dies zu ändern, empfiehlt die Behörde eine GAP-Reform mit einer ausdrücklichen Förderung von Einsparungen im Pflanzenschutz. Vorstellbar sei auch die Erhebung einer Pflanzenschutzmittelsteuer. Die Einnahmen sollten dann für die Beratung verwendet werden. (db)

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