Report Haltungsverfahren auf dem Prüfstand

Interview Prof. Harald Grethe


Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und Verbraucherschutz (WBAE) zur deutschen Nutztierhaltung hat Aufsehen erregt. Es stellt die Zukunftsfähigkeit infrage. Eine Neuausrichtung führe zu hohen, jedoch tragfähigen Kosten, schätzt der Vorsitzende des Beirats.

Harald Grethe: „Tierhalter müssen den Bedenken gegenüber der Haltung proaktiv begegnen.“
-- , Foto: jst
Harald Grethe: „Tierhalter müssen den Bedenken gegenüber der Haltung proaktiv begegnen.“

agrarzeitung: Professor Grethe, welche Reaktionen rief das Gutachten hervor?

Grethe: In den ersten Wochen war die öffentliche Diskussion sehr polarisiert. Mittlerweile ist sie stark inhaltsbezogen. Landwirte reagieren teilweise verärgert auf die Empfehlungen insbesondere im Bereich Tierwohl. Aber unsere grundsätzliche Aussage, dass wir Mechanismen brauchen, mit deren Hilfe die Kosten für mehr Tierwohl aufgefangen werden, finden sie gut.

Das Ministerium hat zumindest in der Öffentlichkeit nicht reagiert – warum?

Grethe: Staatssekretär Bleser äußerte sich zur Übergabe des Gutachtens: Wir hätten damit keinen Stein, sondern einen Fels ins Wasser geworfen. Und dies führe zu erheblichen Änderungen in der Nutztierhaltung. Bundesminister Schmidt äußerte sich kürzlich ebenso: Das Gutachten sei ‚hammerhart‘, und es gebe ‚sehr konkrete Vorstellungen davon, wo wir 2030 mit unserer Nutztierhaltung stehen könnten‘.

Welche Art der Nutztierhaltung sehen Sie unter besonderem Anpassungsdruck?

Grethe: Dazu zählen in absteigender Reihenfolge die Schweine-, Rinder- und Geflügelmast. In der Schweinemast haben
sich moderne Haltungssysteme so entwickelt, dass das Kürzen der Ringelschwänze erforderlich ist. Die gängigen Haltungssysteme sind zu reizarm und bieten kaum Abwechslung in Bezug auf Stallklima, Bodenbeläge und Beschäftigungsmaterialien. Buchten neu zu organisieren und Raufutter anzubieten erfordern große bauliche Veränderungen.

Würde eine Umstellung von Haltungsverfahren die Akzeptanz der Tierhaltung in Deutschland denn verbessern?

Grethe: Ja, denn nur ein geringer Teil der Bevölkerung lehnt die Nutzung von Tieren komplett ab und ernährt sich vegan. Allerdings hat ein großer Teil der Bevölkerung ethische Bedenken bezüglich der Art der Nutztierhaltung. Aus Sicht der Tierhaltung ist es wichtig, diesen Bedenken proaktiv zu begegnen, um einer zunehmenden Ablehnung der Tierhaltung entgegenzuwirken.

Wie könnten höhere Kosten für eine Umstellung verteilt werden?

Grethe: Der WBAE schätzt die Kosten für eine deutliche Anhebung des Tierwohlniveaus auf drei bis fünf Milliarden Euro. Um einen großen Teil dieser Kosten aufzufangen, wären drei Maßnahmen wichtig: Zum einen die Einführung eines staatlichenTierwohllabels. Hiermit könnten etwa rund fünfundzwanzig Prozent der Konsumenten mit einer Zahlungsbereitschaft in Höhe eines Preisaufschlags von etwa zwanzig Prozent erreicht werden und es könnten bis zu 1,5 Milliarden Euro aufgefangen werden.

Zum anderen ist die Brancheninitiative Tierwohl ein faszinierendes Finanzierungsinstrument, nur leider ist sie bisher finanziell unzureichend ausgestattet. Langfristig ist es aber vorstellbar, die Initiative auf andere Produktionszweige wie die Rindermast auszudehnen. Dafür müssen die Händler den Betrag pro Kilogramm Fleisch deutlich erhöhen. So könnte die Brancheninitiative rund eine Milliarde Euro bereitstellen.

Zur Person
Prof. Harald Grethe ist Leiter des Fachgebiets Agrar- und Ernährungspolitik an der Universität Hohenheim. Im Juni 2015 wurde er in seinem Amt als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) beim Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) bestätigt. Dieser bis dahin als Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik (WBA) geführten Expertenrunde stand er bereits seit 2013 vor. Grethe studierte Agrarwissenschaften an der Universität Göttingen. (jst)

Kann die Agrarpolitik etwas beisteuern?

Grethe: Ja, das wäre die dritte Maßnahme. Die Tierwohlprämien in der zweiten Säule der GAP sollten deutlich ausgebaut werden. Schon ab 2018 könnten durch eine Umwidmung von der ersten in die zweite Säule jährlich mehr als fünfhundert Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt werden. Zurzeit haben wir noch eine zersplitterte Labellandschaft mit geringen Marktanteilen, in der Brancheninitiative kommen jährlich nur fünfundachtzig Millionen Euro zusammen und in der zweiten Säule nur vierzig Millionen Euro.

Welche Konsequenzen erwarten Sie für den Fall der unveränderten Haltungsformen?

Grethe: Einen weiteren Verlust an gesellschaftlicher Akzeptanz. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Ansprüche an das Tierwohlniveau langfristig weiter steigen werden.

Die Fragen stellte Dr. Jürgen Struck
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