Zu Gesprächen nach Moskau gereist sind im Frühjahr mehrere europäische Politiker. Das Embargo für Agrarprodukte bleibt Thema. Kartoffelpflanzgut fällt nicht darunter, muss aber hohe Hürden nehmen, berichtet Sergey Platonov aus Moskau im az-Interview.


Hat Hochachtung vor der Effizienz deutscher Behörden: Sergey Platonov in Moskau.
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Hat Hochachtung vor der Effizienz deutscher Behörden: Sergey Platonov in Moskau.

agrarzeitung: Pflanzkartoffeln sind vom Embargo ausgenommen. Warum?

Platonov: Zunächst hatte der Regierungserlass vom 7. August 2014, der das Dekret des russischen Präsidenten zum ‚Ergreifen spezieller ökonomischer Maßnahmen zum Schutz der russischen Föderation’ umsetzt, auch Pflanzkartoffeln unter Import-Bann gestellt. Bereits am 20. August 2014 wurde das wieder aufgehoben. Der Grund ist offensichtlich: Die russische Landwirtschaft ist stark auf importiertes Pflanzgut angewiesen.

Dennoch ist es nicht einfach, Pflanzgut nach Russland zu liefern. Warum?

Platonov: Weil Pflanzgut-Importe unter Auflagen erfolgen müssen, die der russische Aufsichtsdienst für Veterinär- und phytosanitäre Angelegenheiten, Rosselkhoznadzor, bereits im Juli 2013 erlassen hat.

Die Behörde hat lange Zeit vergeblich versucht, von der EU – konkret der DG Sante – Informationen zu erhalten über krankheitsfreie Regionen der Pflanzkartoffelerzeugung oder auch über Zonen, in denen Quarantäneschaderreger auftreten. Bis diese Informationen vorliegen, sieht sich Rosselkhoznadzor zuständig, alle Lieferungen zu inspizieren, um selbst Zonen, Felder oder Lieferanten aufzuspüren, von denen Gefahren ausgehen.

Welche phytosanitären Risiken fürchtet die Behörde denn?

Platonov: Die einzigen offiziell geäußerten Bedenken stehen in der Anordnung vom 3. Februar 2015 aus dem Agrarministerium, das sich auf das Pflanzenquarantäne-Gesetz beruft. Ich kann mich aber an keinen Fall erinnern, in dem Quarantäneschädlinge in Pflanzgut aus Deutschland gefunden wurde. Aber Rosselkhoznadzor beruft sich regelmäßig auf Funde von Organismen, die nicht unter Quarantäne-Auflagen fallen und fordert die Bevölkerung auf, ‚nicht zur Verbreitung dieser Krankheiten auf dem Gebiet der russischen Föderation‘ beizutragen. Befall mit Nicht-Quarantäneschädlingen betrifft eigentlich nur die Handelspartner.

Können Sie die Prozedur beschreiben, bis eine Lieferung ankommt?

Platonov: Die Importe werden durchgeführt nach einem Algorithmus zwischen Rosselkhoznadzor und den EU-Pflanzenschutzbehörden. Zunächst informiert das BMEL Rosselkhoznadzor und lädt die Inspektoren ein, Kontrollen vor der Verladung durchzuführen. Die Inspektoren ziehen Proben, die an ein Labor in Russland zur Begutachtung gehen. Auf dieser Basis entscheidet Rosselkhoznadzor über die Lieferung. Der deutsche Pflanzenschutzdienst zertifiziert ebenfalls jede Partie und bestätigt die Herkunft und die Befallsfreiheit von Quarantäneorganismen.

Beim Grenzübertritt und letztlich am Bestimmungsort überprüft Rosselkhoznadzor erneut die Gesundheit der Importpartien. Darüber hinaus sind Kontrollen der Bestände in der Wachstumssaison möglich.

Aufwendig, aber beherrschbar ...

Platonov: Die ersten Schwierigkeiten tauchen auf, weil die Behörde vermeiden will, dass die Inspektoren allzu große Mengen an Pflanzgut untersuchen müssen. Die Marktgegebenheiten werden völlig ignoriert. Rosselkhoznadzor möchte von den Lieferanten weit im Voraus schon wissen, welche Mengen sie im Herbst und folgenden Frühjahr liefern wollen. Das soll in einer Zeit erfolgen, zu der in Deutschland die Anerkennungen für das Pflanzgut erst laufen. Die vergangenen Jahre waren auch gezeichnet davon, dass die Moskauer Zentrale sich kaum ausgetauscht hat mit den Durchführungsbehörden vor Ort oder den Kollegen in Weißrussland.

In der aktuellen Saison hat Rosselkhoznadzor die deutschen Exporteure damit überrascht, dass von jeder Einheit einer Partie Proben genommen werden mussten. Sehr häufig wird auch kommentarlos die Liste der genehmigten Grenzpassagestellen geändert. Das bringt natürlich die geplanten und eingeübten Logistikwege durcheinander. Hinzu kommen weitere Verständigungsschwierigkeiten über die unterschiedliche Klassifizierung von Saatgut, die Forderung regionaler Vertreter von Rosselkhozdanzor nach weiteren Begleitpapieren, Unklarheiten über die Importregeln für Züchtungsmaterial, undurchschaubare Anforderungen an Laborunterlagen. Das alles zeigt eigentlich, dass es russischen Institutionen an Strukturen fehlt und Mitarbeiter verunsichert sind.

Was ist Ihre Aufgabe hierbei?

Platonov: Das ist ganz einfach: möglichst schnell alle beschriebenen Probleme zu lösen.


Zur Person

Sergey Platonov ist der Saatgutbeauftragte des Bundeslandwirtschaftsministeriums und des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter in Moskau. Der ehemalige Steuerpolizist pflegt als freiberuflicher Dienstleister Kontakte zu den russischen Behörden und Beamten, die in Pflanzkartoffellieferungen involviert sind. (az)

Hat sich wenigstens Routine entwickelt?

Platonov: Leider nicht. Der Import-Algorithmus sieht vor, dass wir in jeder Saison mit neuen Anforderungen konfrontiert sind und davon erst nach und nach erfahren, wenn die Inspektoren eintreffen oder die beladenen Lkw an der Grenze feststecken. Es kostet viel Zeit, Geld und Energie, Dinge zu bewältigen, die lange im Vorfeld hätten erledigt werden können. Jedes Jahr werden die Geduld und Ausdauer von Exporteuren und Kunden auf die Probe gestellt.

Könnte die Bundesregierung ihre Pflanzkartoffelunternehmen mehr unterstützen?

Platonov: Die Verständigung zwischen der Regierung, Behörden und der Wirtschaft läuft in Deutschland vorbildlich. Ich habe Hochachtung vor der zuverlässigen Unterstützung aus allen beteiligten Behörden und Ämtern. Vor allem Dr. Judith Kons, Agrarattaché in der deutschen Botschaft in Moskau, leistet hervorragende Arbeit. Andere EU-Länder sind nicht grundsätzlich besser, aber die Strukturen, um phytosanitäre Angelegenheiten zu entscheiden, sind in den Niederlanden beispielsweise schlanker.

Die Fragen stellte Brigitte Stein
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