Zum smarten Farmen gehört auch das Beherrschen moderner Kommunikationskanäle. Thomas Fabry bedient die gesamte Medienklaviatur, wenn es darum geht, das Bild der Landwirte ins rechte Licht zu rücken. Wie man es mit der Bild-Zeitung aufnimmt und welches Potenzial in Youtube steckt, verrät er im az-Interview.

Schnelligkeit ist das Entscheidende bei der Öffentlichkeitsarbeit, erklärt Student Thomas Fabry.
-- , Foto: privat
Schnelligkeit ist das Entscheidende bei der Öffentlichkeitsarbeit, erklärt Student Thomas Fabry.

agrarzeitung: Sie engagieren sich in den sozialen Medien und auf Ihrer Homepage ‚Massentierhaltung aufgedeckt‘ für die Tierhaltung in Deutschland. Um was geht es Ihnen?

Fabry: Wir wollen vor allem die Sichtweise von Landwirten, wenn es um kritische Themen geht, darstellen. Sonst setzen sich bestimmte Themen in den Köpfen der Verbraucher fest, ohne dass die Primärquelle zu Wort kommt. In der ‚Bild‘ las man kürzlich, dass Landwirte Antibiotika prophylaktisch ins Futter mischen. Das ist Quatsch.

Wie kommt man dagegen an, wenn die Bild-Zeitung etwas in Umlauf gebracht hat?

Fabry: Wir reagieren sofort mit einer Stellungnahme auf unserer Homepage, Facebook und Twitter. Grundsätzlich müssen wir wahnsinnig schnell reagieren. Deswegen informieren wir uns frühzeitig darüber, was Sender ankündigen. Danach organisieren wir Arbeitsgruppen, die sich zum Beispiel mit dem Medikamenteneinsatz in der Milchviehhaltung auskennen. Wenn eine Sendung abends stattfindet, veröffentlichen wir spätestens zwischen sechs und sieben Uhr morgens unsere Sichtweise. Dafür wird auch manchmal bis spät in die Nacht gearbeitet. Wer mit uns anschließend auf Facebook oder Twitter diskutieren will, erhält schnelles Feedback.

Ein Fernsehbericht zeigt Folgendes: Arbeiter greifen sich ein frisch geborenes Ferkel, schlagen es mit stumpfem Gegenstand auf den Kopf. Wie reagieren Sie?

Fabry: In diesem Fall muss jeder Landwirt mit offenen Karten spielen. Denn nur er weiß am besten, warum er das Ferkel tötet. Und er wird es sicher nicht gerne tun. Das eint uns mit dem Verbraucher. Kocht das Thema nach einem Fernsehbericht hoch, werden wir auf Twitter und Facebook aktiv.


Zur Person
Der Agrarstudent Thomas Fabry (22) steckt mitten in der Bachelorarbeit an der Hochschule Osnabrück. Im elterlichen Betrieb mit 200 Sauen verfolgt er seine Leidenschaft: die Schweinehaltung. Nebenbei gründete er mit Studienkollegen den gemeinnützigen Verein ‚Massentierhaltung aufgedeckt – Tierhaltung modern und transparent‘. Er will der Öffentlichkeit zeigen, wie es im Stall aussieht. (has)

Und wie kommen Landwirte nun endlich aus der Defensive?

Fabry: Um das Feld nicht nur den Kritikern zu überlassen, punkten wir mit Fachwissen. Auf unserer Homepage greifen wir vor, weil dort bereits alles zu kritischen Themen erklärt ist. Ein Sympathieträger, der im Fernsehen auftritt, wäre auch nicht schlecht, aber der Kontakt zu Sendern ist mühsam.

Wie können soziale Medien helfen, den schlechten Ruf abzuschütteln?

Fabry: Der Vorteil sozialer Medien liegt darin, dass man Diskussionen aus seinem gewohnten Umfeld heraus und zu jeder Tageszeit führen kann. Mit dem Tablet am Wohnzimmertisch traut sich nicht nur der Landwirt, stärker aus sich herauszugehen, sondern auch der Verbraucher fühlt sich sicher. Dadurch lernen wir ihn besser kennen und wissen, welche Dinge ihn beschäftigen oder sogar belasten. Stehen wir uns direkt gegenüber, kommt es selten zur Konfrontation. Respekt führt zu Zurückhaltung, es entwickelt sich nichts.

Geht so etwas nicht in den Tiefen des Netzes unter?

Fabry: Unseren Erfolg messen wir in Klickzahlen. Die geben uns recht. Als sich der deutsche RTL-Fernsehjournalist Jenke von Wilmsdorff in der Abendsendung ‚Das Jenke-Experiment‘ die Massentierhaltung vorgeknöpft hat, haben wir mit unserer Stellungnahme 5000 Klicks pro Tag erzeugt. Das zeigt, wir sind gefragt. Letztendlich gleicht alles, was kommentiert wird, einer Kundenrezension. Wenn zehn Leute sagen, etwas ist Murks, glauben es auch alle anderen. Die Meinung eines Landwirts ist also, so unscheinbar sie auf den ersten Blick wirken mag, verdammt wichtig.

Welches Potenzial hat Youtube?

Fabry: Als zweitgrößte Suchmaschine nach Google besitzt der Kanal ein enormes Potenzial. Das Bedürfnis nach Einordnung und Meinungsbildung ist auch bei jungen Leuten nach wie vor groß – entgegen vieler Behauptungen. Auf Youtube sind zum Teil hoch gebildete Leute unterwegs. Ich denke, Information lässt sich dort attraktiver vermitteln. Videos wirken echter, man kommt näher an die Leute heran.

Wir haben Anfang April die Videoreihe ‚aboutstable‘ auf Youtube gestartet. Mit einer Ultraweitwinkelkamera können uns dort die Verbraucher durch den Alltag begleiten. Das funktioniert ohne große Vorbereitung.

Was halten Sie von der Webcam von Werner Schwarz?

Fabry: Jeder Schritt in die Öffentlichkeit ist gut. Wir haben uns allerdings gegen eine Webcam entschieden, weil wir nichts unerklärt lassen wollen. Wenn wir Videos ins Netz stellen, dann sind diese kommentiert.


Tiere in Bewegung
Die Videoreihe ‚aboutstable‘ ist gerade auf dem Youtube- Kanal ‚Massentierhaltung aufgedeckt‘ gestartet. Jeden Sonntag erscheint künftig ein neues Video. Im ersten Film stellen die Studenten einen Boxenlaufstall mit 100 Kühen vor: Jedes Tier hat eine „Matratze“, die sogenannte Liegebox. Ein kleiner Roboter fährt stündlich über den Spaltenboden und schiebt Kot und Urin in den Güllekanal. Sein Know-how zur Filmproduktion und Öffentlichkeitsarbeit, vor allem in sozialen Kanälen, will Fabry auch anderen vermitteln. Mithilfe der eigenen Webseite Fabrykant.de startet er gerade ein Kleingewerbe, um das Ehrenamt zu finanzieren. Interessierte können ihn für Vortragsveranstaltungen buchen. (has)

Verwenden Sie auf Twitter gezieltes Vokabular?

Fabry: Ein paar Regeln wende ich an. Weil ich ein breites Publikum ansprechen will, verwende ich keine Fachbegriffe. Außerdem sind einige Begriffe in der Tierhaltung sehr ökonomisch geprägt, weil wir mit diesem Wissen ja auch unsere Brötchen verdienen. Das schreckt Verbraucher sicherlich ab. Deswegen bin ich vorsichtig. ‚Bestandsgröße‘ wirkt sehr technisch. Ich schreibe einfach: ‚In dieser Bucht leben zehn Ferkel.‘

Und was weckt Emotionen?

Fabry: Ich will Tiere auf keinen Fall vermenschlichen: Eine Sau ist tragend und nicht schwanger. Trotzdem steht das Wohl der Tiere an erster Stelle, erst danach kommt der ökonomische Aspekt. In unserer Selfie-Reihe ‚Was bewegt euch im Stall‘ wollen wir hingegen zeigen, dass auch ein Landwirt keine emotionslose Maschine ist. Die Selfie-Reihe macht unterhaltsam mit diesem Lebewesen vertraut. Anfang Mai posten wir wieder einige von ihnen auf unserer Facebook-Seite.

Wer im Netz aktiv ist, gibt auch viel über sich selbst preis. Wo setzen Sie Grenzen?

Fabry: Ich suche das Gespräch und halte es für den einzig vertretbaren Weg. Es wäre sehr schade, wenn ich dadurch zur Zielscheibe würde. Wer es darauf anlegt, findet allerdings viel im Netz über mich. Natürlich hat Social Media auch einen Pferdefuß: Besonders dreist sind Leute mit einem Fake-Profil. Einer schrieb mal: ‚Man sollte Menschen selbst in einen Kastenstand stecken.‘

Das Gespräch führte Henrike Schirmacher
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