Wenn Firmen über die digitale Vernetzung Informationen aus Betrieben gewinnen, kann das in einer guten Beratungsleistung münden, meint Landwirt Ulrich Westrup. Gleichzeitig warnt er vor einem Datenmissbrauch: Zentrale Datensammler erhalten Zugriff auf die Kennzahlen – wie die Ernteleistung – aus zahlreichen Betrieben. Sie könnten mit diesem Wissen an der Börse spekulieren.


Eine Schnittstelle, die den Datenwust sortiert, könnte Ulrich Westrup gut gebrauchen.
-- , Foto: DLG
Eine Schnittstelle, die den Datenwust sortiert, könnte Ulrich Westrup gut gebrauchen.

agrarzeitung: Was bedeutet Smart Farming für Sie?

Westrup: Für mich stecken intelligente Systeme dahinter, die mir die Arbeit im Stall erleichtern.

Aus welchen Anwendungen ziehen Sie einen Nutzen?

Westrup: Als Milchviehhalter nutze ich vor allem Sensortechnik im Stall, um die Brunst zu erkennen oder das Fressverhalten zu beobachten. Im Gegensatz zu Schweinen oder Geflügel leben die Kühe sehr lange. Das hat den Vorteil, dass Sensortechnik, die das Tier einfach und gefahrlos schlucken kann, angeboten wird. Zwischen mehreren Monaten und Jahren kann so ein Sensor, der den pH-Wert im Pansen oder die Temperatur im Körperinneren misst, im Tier bleiben.

Welche Technik fehlt noch?

Westrup: Die meisten Systeme arbeiten autark. Eine Schnittstelle, die den Datenwust für mich auswertet und eine konkrete Handlungsanweisung ausspuckt, wäre hilfreich. Ein Beispiel für eine Anweisung: Kuh 365 hat scheinbar eine Azidose – denn die Körpertemperatur ist zu hoch und der pH-Wert stark gesunken. Zudem zeigt mir der Sensor eine verkürzte Fresszeit an. Bisher muss ich alle Parameter einzeln bewerten, und selbst zu einem Bild zusammenfügen.

Anbieter kommen so in den Genuss all Ihrer Daten. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Westrup: Ja. Dazu schildere ich ein Szenario aus dem Pflanzenbau: Mähdrescherfirmen haben bei einer integrierten Ertragsmessung Zugriff auf die Mengenbilanzen meiner Ernte. In einer zentralen Stelle laufen also von zahlreichen Landwirten aus verschiedenen Ländern die Ertragsdaten zusammen. Das generiert unglaublich viel Wissen an einer zentralen Stelle. Daraus lässt sich vermutlich eine Voraussage zur Ernte machen. Mit dem Wissen könnte das Unternehmen an der Börse spekulieren.

Wo sehen Sie noch Nachteile für den Landwirt?

Westrup: Der Agrarhandel könnte sich gegen mich als Kunden entscheiden, weil er nicht an meine Kreditwürdigkeit glaubt. Angenommen, ich habe sehr viele kranke Kühe und auch meine Buchführungsergebnisse wirken nicht besonders vielversprechend – dann könnte solch ein Fall doch durchaus eintreten.

Wenn Genossenschaften oder der Landhandel auf die Daten zugreifen, kann dies einerseits in einer guten Beratungsempfehlung münden, andererseits könnte es auch darauf hinauslaufen, dass mir Produkte angedreht werden, die ich gar nicht brauche.

Fürchten Sie auch um Ihren Vorsprung gegenüber anderen Betrieben?

Westrup: Natürlich, ich verliere ja mein Betriebsgeheimnis. Wenn die Daten sagen, alle Betriebe, die Luzerne einsetzen, sind erfolgreicher, werden andere nachziehen. Am Ende muss sich jeder die Frage stellen: Was will ich preisgeben?

Würde es Ihnen bei der Preisfindung helfen, wenn Sie in einer Cloud Zugriff auf jegliche Ertragsdaten anderer Landwirte hätten?

Westrup: Das wäre möglich. Wenn ich weiß, 60 Prozent der Landwirte in Niedersachsen haben 80 Dezitonnen Weizen geerntet, kann ich natürlich den Markt besser einschätzen. Aber trotzdem wäre ich nicht sicher, ob diese Daten nicht längst von Dritten genutzt wurden und sie mir erst viel später zur Verfügung gestellt werden.


Zur Person
Ulrich Westrup (45) ist geschäftsführender Gesellschafter eines Milchviehbetriebes mit 600 Kühen im niedersächsischen Bissendorf-Linne im Landkreis Osnabrück. Seit 2015 engagiert sich der staatlich geprüfte Landwirt als Vorsitzender des DLG-Fachzentrums Landwirtschaft. Westrup ist verheiratet und hat drei Kinder. (az)

Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen betriebsinterne Daten öffentlich einsehbar waren, ohne dass Landwirte davon wussten?

Westrup: Nein. Aber solche cloudbasierten Lösungen befinden sich ja auch erst im Aufbau.

Wie könnte man Ihrer Meinung nach die Sicherheit der Daten erhöhen?

Westrup: Indem man keine internetbasierten Systeme verwendet. Dann verpasst man allerdings auch den Fortschritt, der durch die Module möglich wird. Es gibt also keine einfache Lösung.

Soll der Landwirt alleine die Verantwortung übernehmen?

Westrup: Nein, ich sehe die Verantwortung genauso bei den Anbietern. Aber ich als Landwirt kann natürlich selbst entscheiden, zu welchen Partnern ich Vertrauen habe.

Die Software-Anbieter sollten ganz klar kommunizieren, wer von ihnen welche Daten bekommt. Bei cloudbasierten Systemen, die gerade im Aufbau sind, ist es für uns Landwirte sehr wichtig zu wissen, ob jeder Nutzer alles einsehen kann oder ob bestimmte Bereiche voneinander abgeschirmt sind. Bei der Entscheidung für einen SoftwareAnbieter spielt außerdem eine Rolle, ob dieser in Deutschland oder in den USA sitzt. Denn es ist bekannt, dass die USA die Daten weniger schützen als Deutschland.

Trotzdem hat der Software-Anbieter alle Daten gespeichert.

Westrup: Ja. Und wenn ein Datenleck auffliegt, muss das sofort öffentlich gemacht werden. Dann hat ein solches Unternehmen sein Vertrauen verspielt und kann am Markt hoffentlich nicht mehr bestehen.

Auch die Politik könnte helfen: Welches Gesetz fehlt, um die Daten zu sichern?

Westrup: Bisher sind nur die Daten zu meiner Person geschützt. Betriebsdaten umfasst dies nicht. Die Politik hat sich aber bereits auf die wirtschaftlichen Interessen der Software-Anbieter fokussiert.

Kann die Technik den Mensch irgendwann komplett ersetzen?

Westrup: Es gibt das Sprichwort: ‚Das Auge des Herrn füttert das Vieh.‘ Und damit halte ich es. Wir brauchen das Know-how des Landwirts weiterhin als letzte Kontrollinstanz. Das spiegelt sich auch darin wider, dass es kaum Betriebsleiter gibt, die in der Milchviehhaltung neu starten. Dafür ist es zu komplex.

Selbst wenn ich Sensoren verwende, muss ein Mensch die Geburt begleiten. Durch die Sensoren kann ich aber viel mehr Tiere managen. Früher musste ich zur Brunstbeobachtung mehrmals täglich in den Stall. Heute schaue ich zweimal täglich auf den PC und weiß, welches Tier in der Brunst ist.

Das Gespräch führte Henrike Schirmacher
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