Tierhalter in Deutschland müssen umfassende Pflichten zur Dokumentation erfüllen, betont Bernd Meerpohl.
-- , Foto: Big Dutchman
Tierhalter in Deutschland müssen umfassende Pflichten zur Dokumentation erfüllen, betont Bernd Meerpohl.

Das in Deutschland ansässige familiengeführte Unternehmen Big Dutchman zählt zu den führenden Ausrüstern von Stallanlagen. Einen besonderen Schwerpunkt stellen Software-basierte Steuerungseinrichtungen für vielfältige Anwendungen dar. Zu dem Stand der Technik und den Möglichkeiten, diese in vernetzte Systeme zu integrieren, äußert sich der Vorstandsvorsitzende Bernd Meerpohl.

 

agrarzeitung: Auf welchen Gebieten können computergestützte Lösungen für die Tierhaltung verwendet werden?

Meerpohl: Heutzutage gibt es wohl keine Anlage mehr, die ohne Lüftungscomputer in den Ställen auskommt. Darüber hinaus werden Steuerungscomputer in allen verfahrenstechnischen Prozessen im Stall – wie zum Beispiel der Fütterung, Abluftreinigung und Eiersammlung eingesetzt.

Mit Managementcomputern ist der Landwirt in der Lage, übergreifend Daten zu überwachen, Herden zu verwalten und Auswertungen zu machen. Diese können auf der Anlage oder durch entsprechende Vernetzung auch extern verfügbar sein. Zunehmend werden auch Apps für die tägliche Arbeit im Stall eingesetzt.

Welche Vorteile bieten die technischen Lösungen dem Tierhalter?

Meerpohl: Neben den notwendigen Steuerungsaufgaben für komplexe Anwendungen profitiert der Landwirt besonders von der Produktionsdatenerfassung. Nur mit genauen und umfassenden Daten können Produktionsprozesse für ein besseres Betriebsergebnis und Tierwohl optimiert werden. Wesentliche Größen sind hier zum Beispiel der Wasser-, Futter- und Energieverbrauch oder Klimadaten. Im administrativen Bereich helfen Computer, Nachweise für Behörden und betriebswirtschaftliche Daten für die Unternehmen bereitzustellen. Sie können im Idealfall in Kombination mit Apps viel Zeit sparen und die stetig wachsenden Anforderungen an die Produktionstransparenz ohne zusätzliche Bürokräfte möglich machen. Der externe Zugriff auf Systeme über entsprechende Netzwerke spart Zeit und gibt dem Landwirt mehr Flexibilität, wenn auch die persönliche Tierüberwachung vor Ort dadurch nicht ersetzt werden darf.

Worauf sollten Investoren besonders achten?

Meerpohl: Man ist heute gut beraten, wenn man auf Systeme setzt, die ein umfassendes Farm Management auf der Basis von modernen Steuerungs- und Managementsystemen möglich machen. Dabei sollte man darauf achten, dass die Lösung erweiterbar und zukunftssicher ist, auch wenn im ersten Schritt noch nicht alles vollautomatisiert umgesetzt wird. Ich persönlich würde als Landwirt nicht auf den Komfort von externen Zugriffsmöglichkeiten und mobilen Lösungen verzichten.

Gibt es für die einzelnen Tierarten bereits Komplettlösungen, oder müssen in Einzelfällen Elemente sinnvoll kombiniert werden?

Meerpohl: Wir sind heute in der Lage, für alle Bereiche komplette Lösungen anzubieten. Einzelne Steuerungsfunktionen können zwar auch alleine existieren, ergänzen sich aber je nach Anforderung immer zu einem übergreifenden Managementsystem, durch das der Landwirt die volle Kontrolle und Übersicht besitzt.

Zur Person
Seit 1992 ist der Kaufmann Bernd Meerpohl Vorsitzender des Vorstandes der Big Dutchman AG in Vechta-Calveslage. Die Wurzeln des auf die Projektierung und Produktentwicklung von Stalleinrichtungen spezialisierten Familienunternehmens gehen auf das Jahr 1938 zurück. In diesem Jahr erfanden die in den USA ansässigen Big-Dutchman-Firmengründer die erste automatische Fütterungsanlage der Welt. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 2500 Mitarbeiter, davon etwa 800 im Stammhaus in Vechta-Calveslage. Die Produkte werden über rund 30 Tochterfirmen und etwa 200 unabhängige Agenturen in mehr als 100 Ländern vertrieben. Einen Schwerpunkt setzt das Unternehmen auf die Software-Entwicklung. Für das Jahr 2014 weist Big Dutchman einen Umsatz von 688 Mio. € aus. (jst)

Was verstehen Sie mit Blick auf die Tierhaltung unter dem Schlagwort ‚Industrie 4. 0’?

Meerpohl: Aus dem sicher nicht wohldefinierten Begriff ‚Industrie 4.0’ scheinen mir zwei Aspekte wesentliche Impulse im Bereich der Tierhaltung zu geben. Zunächst wird es durch leistungsfähigere, kleine und preiswerte Computereinheiten zunehmend dezentrale Anwendungen geben. Kamerasysteme, intelligente Futterautomaten oder tierindividuelle Daten direkt am Tier gespeichert, können Ausprägungen des sogenannten ‚Internet der Dinge’ werden. Zusammen mit Apps und entsprechenden Managementsystemen können Landwirte davon profitieren.

Ein zweiter Aspekt ist die Bereitstellung von Diensten im Internet, die Landwirte unabhängiger von lokalen Computersystemen machen können und Managementaufgaben wesentlich vereinheitlichen und vereinfachen: Cloud-Anwendungen. Dieser Punkt wird in Zukunft wichtiger werden, auch wenn die Anforderung an eine 100-prozentige Verfügbarkeit vor Ort und Sicherheitsfragen berücksichtigt werden müssen.

Wie stellt sich die Situation auf diesem Gebiet in Deutschland im internationalen Vergleich dar?

Meerpohl: In Deutschland und einigen europäischen Ländern sind die Automatisierung und Datenerfassung weiter fortgeschritten, als in anderen Ländern. Aufgrund eines bereits ausgeprägten Bewusstseins für hohe Tierhaltungsstandards gibt es für hiesige Landwirte wesentlich mehr Anforderungen an die Dokumentation und Überwachung als in anderen Ländern.

Demzufolge haben neuartige Technologien schneller konkrete Auswirkungen. Die Tendenz zu immer weniger und größeren Anlagen trägt dazu bei, dass komplexe Steuerungs- und Managementsysteme notwendig werden. Auch wird die Übertragung von Daten über die gesamte Wertschöpfungskette von den Futtermühlen über die Tieraufzucht bis zu den Schlachthöfen und dem Handel wichtiger.

Erwarten Sie rasche Fortschritte bei der Entwicklung der ‚4.0’-Systeme?

Meerpohl: Wir erwarten rasche Fortschritte im technologischen Bereich und arbeiten sehr intensiv und mit großem Aufwand an Systemen für die Zukunft, aber es werden sich nur Produkte durchsetzen, die auch für die Landwirtschaft angemessen und sinnvoll sind. Gute Ideen aus der Industrie lassen sich manchmal aus Preisgründen oder einer zu hohen Komplexität mit entsprechenden Wartungsanforderungen nicht einfach auf die Landwirtschaft übertragen.

Die Fragen stellte Dr. Jürgen Struck.
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