Statt zu beizen, versprühen die Landwirte viel häufiger Insektizide. Das hat für Helmut Schramm nichts mit integriertem Pflanzenschutz zu tun.
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Statt zu beizen, versprühen die Landwirte viel häufiger Insektizide. Das hat für Helmut Schramm nichts mit integriertem Pflanzenschutz zu tun.

Das Moratorium für insektizide Beizen läuft aus. Bis dahin wird die mediale Schlacht mit neuen Studienergebnissen richtig heißlaufen. Sollten Beizen verboten bleiben, malt Bayer-Crop-Science-Chef Helmut Schramm die Zukunft des Rapsanbaus eher düster.

agrarzeitung: Gibt es jetzt neue Erkenntnisse aus der Zeit des Anwendungsverbots?

Schramm: Herausragend ist insbesondere die Erkenntnis, dass die Rapsanbauer bereits im ersten Jahr ohne Neonicotinoid-haltige Beizung immense Probleme mit der Kontrolle von Rapserdfloh und Kleiner Kohlfliege hatten. Bayer Crop Science hatte natürlich bereits vor dem Moratorium umfangreiche Daten für seine Neonicotinoid-haltigen Produkte erhoben. Die Datengrundlagen, die für diese Saatbeizen erarbeitet wurden, gehören zu den umfangreichsten, die jemals für Pflanzenschutzmittel erarbeitet wurden. Zudem haben wir eine großflächig angelegte Monitoringstudie in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt und die Ergebnisse publiziert. Dabei konnten erneut unter praktischen Bedingungen keine kurz- oder langfristig negativen Auswirkungen einer Saatgutbehandlung mit Elado auf die drei untersuchten Bienenarten mit unterschiedlichen Lebenszyklen festgestellt werden. Dazu gehörten die Honigbiene und zwei Wildbienenarten, die Mauerbiene und die Erdhummel.

Aber die Kritik ebbt nicht ab...

Schramm: Bei der Bewertung von Publikationen, die Neonicotinoide in Frage stellen, muss berücksichtigt werden, dass vielfach unrealistisch hohe Konzentrationen der betroffenen Wirkstoffe zum Einsatz kamen. In anderen Fällen wird auf reine Laborstudien mit unrealistischen Expositionsszenarien abgehoben, anstatt Feldstudien aus der landwirtschaftlichen Praxis heranzuziehen. Bei Literaturstudien wird zudem häufig auf Publikationen von Organisationen verwiesen, die für ihre grundsätzliche Ablehnung von Neonicotinoiden bekannt sind. Das trägt nicht zur Abklärung der Bienensicherheit bei.

Wird denn beobachtet, ob es den Bienen jetzt besser geht?

Schramm: Das Ziel des Anwendungsverbots für die insektiziden Beizen, nämlich die Gesundheit der Bienen zu verbessern, wird verfehlt. Trotz Anwendungsverbot für die Neonicotinoid-haltigen Beizmittel bei der letzten Rapsaussaat ist es zu verstärkten Winterverlusten durch hohen Varroabefall bei den Bienenvölkern gekommen.

Wir sehen die Gefahr, dass es den Bienen ohne Beizung auf Dauer schlechter geht, wenn die Rapsfläche aufgrund der nicht mehr sicher zu kontrollierenden Schädlinge zurückgeht.

Die deutschen Landwirte vermissen die insektziden Beizen. Wird das Moratorium bald enden?

Schramm: Über das Ende des Moratoriums entscheiden die politisch Verantwortlichen in Europa und in den Ländern.

Unsere Position ist nach wie vor, dass das von der Europäischen Kommission veranlasste und befristete Anwendungsverbot von Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonicotinoide unverhältnismäßig, wissenschaftlich undifferenziert und schädlich für die Landwirtschaft ist und auch die Bienengesundheit nicht fördert. Zur Rapssaatgutbeizung mit Neonicotinoiden gibt es derzeit keine wirtschaftlich sinnvolle und umweltverträglichere Alternative.

In anderen EU-Ländern gibt es Ausnahmegenehmigungen. Warum nicht auch in Deutschland?

Schramm: Diese Frage können nur die Zulassungsbehörden hierzulande beantworten. In einigen Bundesländern hat der landwirtschaftliche Berufsstand für unsere Rapsbeize Elado Notfallgenehmigungen beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) beantragt. Wir halten das im Hinblick auf die drängenden Schädlingsprobleme für nachvollziehbar. Wir können Pflanzenschutz auf Dauer nicht über Notfallgenehmigungen regulieren, da das nicht planbar ist.

Beizen wird präventiv angewendet und läuft dem integrierten Pflanzenschutz zuwider. Verstehen Sie die grundsätzliche Kritik am Beizen?

Schramm: Bestimmte Schädlinge und Krankheiten können nur präventiv und nur mit einer Beizung kontrolliert werden. So zum Beispiel die erwähnte Kleine Kohlfliege oder Flugbrände im Getreide, um nur zwei Anwendungen zu erwähnen. Was hat das Verbot denn bewirkt? In Deutschland hat sich jetzt die mit Insektiziden behandelte Rapsfläche im vergangenen Herbst trotz Flächenrückgang von 2013 auf 2014 nahezu verfünffacht. Das hat nichts mit integriertem Pflanzenschutz zu tun. Die Saatgutbeizung bleibt der Königsweg des Pflanzenschutzes hinsichtlich der benötigten Wirkstoffmenge und der zielgenauen Anwendung.

Wissenschaftler haben gerade die Bekämpfungsschwelle für Rapsglanzkäfer heraufgesetzt. Ist das nicht das Eingeständnis, dass zu viel Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurde?

Schramm: Der Rapsglanzkäfer kann im Gegensatz zum Rapserdfloh und zur Kleinen Kohlfliege nur mit einer Spritzbehandlung bekämpft werden. Die vorgenommene Veränderung der Schadensschwelle beim Rapsglanzkäfer ist unter den landwirtschaftlichen Experten in Deutschland nicht ganz unumstritten.

Vielfalt von Pflanzenschutzmitteln mit unterschiedlichen Wirkungsmechanismen ist der beste Schutz beim Thema Resistenzen. Wir brauchen Zulassungen von Insektiziden mit unterschiedlichen Wirkungsmechanismen.

Die Fragen stellte Brigitte Stein
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