Markus Himken: „Sowohl die Landwirtschaft als auch der Handel nutzen die günstigen Konditionen und bestellen deutlich mehr Mengen als im Vorjahr.“
-- , Foto: Yara
Markus Himken: „Sowohl die Landwirtschaft als auch der Handel nutzen die günstigen Konditionen und bestellen deutlich mehr Mengen als im Vorjahr.“

Der Düngemittelmarkt in Deutschland verändert sich. Kaufentscheidungen erfolgen nach einem strikten Risikomanagement. Markus Himken von Yara Deutschland empfiehlt, die Einkäufe von Stickstoff (N)-Dünger im Jahresverlauf zu splitten.

agrarzeitung: Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Saison 2014/15 für die neue Saison?

Himken: In diesem Frühjahr war die Nachfrage zunächst verhalten, zog dann aber ab Mitte Mai wieder deutlich an. Wir gehen davon aus, dass der Gesamtabsatz von N-Düngern in der jetzigen Saison 2014/15 leicht um ein bis zwei Prozent unter dem Vorjahr liegen wird. Zum heutigen Stand sind die Düngemittelläger weitestgehend geräumt und auf einen Minimalbestand zurückgefahren.

Gibt es Alternativen zu den üblichen Konditionen?

Himken: Einlagerungsmodelle, wie sie vor der Finanzkrise im Jahr 2008 noch üblich waren, funktionieren nicht mehr. Auf der Handelsebene legt sich niemand mehr größere Mengen auf eigenes Risiko ins Lager. Vor allem nicht, wenn die Ware nicht an die Landwirtschaft durchgehandelt ist. Also müssen sich Handel und Landwirtschaft neue Bezugsmodelle überlegen. Es wird immer schwieriger, Preisverläufe vorherzusagen. Alle Marktteilnehmer haben dies erkannt und ihre Einkaufsstrategie angepasst. Die Splittung des Einkaufsrisikos durch mehrere Teilzukäufe oder die zeitgleiche Kombination von Düngemitteleinkauf und Getreideverkauf sind zum festen Bestandteil des Risikomanagements des Handels und der Landwirtschaft geworden.

Wie sehen die Konditionen ab Juli 2015 aus?

Himken: Die Konditionen für nitrathaltige Düngemittel liegen im Vergleich zum Vorjahr auf einem ähnlichen Niveau. Demgegenüber sind die aktuellen Harnstoffpreise deutlich höher als im Sommer 2014. Es ist in den kommenden Monaten kaum von einem nennenswerten Rückgang auszugehen. Somit ist der preisliche Anreiz für den Einkauf von Nitraten zum Beginn des Düngejahres 2015/2016 viel stärker als im Vorjahr. Dementsprechend ist die Nachfrage nach Nitratdüngern derzeit sehr stark. Sowohl die Landwirtschaft als auch der Handel nutzen die günstigen Konditionen und bestellen deutlich mehr Mengen als im Vorjahr.

Welche Folgen hat die Düngeverordnung?

Himken: In der Diskussion um die neue Düngeverordnung haben wir uns immer für eine produktive Landwirtschaft eingesetzt, die in der Lage sein muss, das standortspezifische Ertragspotenzial auszuschöpfen und die vom Markt geforderten Qualitäten zu erzeugen. Bei bedarfsgerechter Düngung sehen wir hier keinen Widerspruch zu den Zielen der novellierten Verordnung, nämlich der Vermeidung einer Überdüngung und der Verminderung der N-Bilanzüberschüsse. Im ersten Entwurf der Novelle ist die Düngebedarfsermittlung für Stickstoff aus unserer Sicht zu starr und unflexibel vorgegeben, was wir im
Rahmen der Verbändeanhörung auch angemerkt haben.

Wo liegen die Knackpunkte?

Himken: Viehstarke Betriebe werden Probleme haben, den maximal erlaubten Flächenbilanzüberschuss von 60 Kilogramm N je Hektar einzuhalten. Um zu hohe NÜberschüsse abzubauen, müssen solche Betriebe entweder ihre Tierbestände reduzieren, sodass weniger Gülle anfällt. Oder sie müssen Gülle in Regionen mit geringerer Viehdichte transportieren. Als Folge wird Gülle mineralischen Stickstoffdünger substituieren. Es steht daher außer Frage, dass der Einsatz mineralischer Stickstoffdünger in den kommenden Jahren zurückgehen wird. Ab wann und in welchem Ausmaß mit einem Rückgang zu rechnen ist, kann zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht gesagt werden. Mit Inkrafttreten der neuen Düngeverordnung wird die  Effizienz der mineralischen Stickstoffdüngung an Bedeutung gewinnen. Bei einer hohen N-Effizienz wird ein größerer Anteil des gedüngten Stickstoffs von den Pflanzen aufgenommen und in Ertrag und Qualität umgesetzt als bei einer niedrigeren N-Effizienz. Nitrathaltige Stickstoffdünger weisen eine besonders hohe N-Effizienz auf. Dünger mit einem höheren Verlustpotenzial – wie etwa Harnstoff infolge gasförmiger Ammoniakverluste – schneiden hier schlechter ab.

Zur Person
Vor wenigen Wochen hat Dr. Markus Himken wieder, nach 2009, die Yara-Geschäftsführung in Dülmen übernommen. Ihm unterstellt ist überdies die Vertriebsleitung Düngemittel in Deutschland, Österreich, Schweiz und Benelux. Himken war zuletzt Finanzchef der Yara- Geschäftseinheit Continental Europe in Brüssel. Sein Vorgänger Dr. Thomas Schmitz ist jetzt Produktionsleiter des Yara- Gemeinschaftsunternehmens Qafco in Katar. (da)

Wie wirken sich die Krisen in einigen Produktionsländern aus?

Himken: Wenn man sich die Statistik der vergangenen Jahre anschaut, dann sind die gesamten Stickstoffimporte in etwa auf dem gleichen Niveau geblieben. Es gab leichte Verschiebungen bei einzelnen Produktgruppen. Beispielsweise hat der Import von Diammoniumphosphat, kurz DAP, zugenommen aufgrund der Ausweitung des Maisanbaus in Deutschland. Bei den Harnstoffimporten gab es Verschiebungen bei den Herkunftsländern. So haben sich die Lieferungen aus Russland und Weißrussland erhöht, während die ägyptischen Einfuhren zurückgegangen sind. Der Mangel an Erdgas wirkt sich hier aus.

Bekommt Deutschland die Verknappung zu spüren?

Himken: Die Versorgung des deutschen Marktes ist durch diese Entwicklungen nicht unmittelbar betroffen. Allerdings beeinflussen sie das Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt und haben gerade in den vergangenen Wochen – neben anderen Effekten – zur leichten Befestigung der internationalen Harnstoffkurse beigetragen. Es werden regelmäßig neue Produktionskapazitäten für Harnstoff angekündigt. Hier zeigt sich aber immer wieder, dass sich die Investitionen und die Errichtung der Produktionsanlagen aufgrund unsicherer politischer Rahmenbedingungen deutlich verzögern. Oft ist sogar der spätere Betrieb der Anlagen eingeschränkt, sodass die tatsächliche Produktionskapazität nicht ausgeschöpft werden kann. In den vergangenen Jahren gab es N-Düngerimporte aus Ländern, die für uns neu sind. Dazu gehören zum Beispiel Importe aus Algerien, dem Iran, aus Nigeria und China. Bislang entsprach die Produktqualität dieser Herkünfte oft nicht dem Standard, den Landwirte für eine professionelle Landwirtschaft in Deutschland benötigen.

Die Fragen stellte Daphne Huber-Wagner
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