Klaus Josef Lutz: „Nur durch Transparenz zur Datenverwendung gegenüber dem Kunden wird Vertrauen geschaffen.“
-- , Foto: Baywa
Klaus Josef Lutz: „Nur durch Transparenz zur Datenverwendung gegenüber dem Kunden wird Vertrauen geschaffen.“

Die prozessgesteuerte Führung von Agrarbetrieben ist hierzulande auf dem Vormarsch. Wie sich das Münchner Unternehmen auf die Herausforderungen des Marktes einstellt, erläutert Konzernchef Klaus Josef Lutz.

agrarzeitung: Smart-Farming-Technologien gewinnen für die Landwirte an Bedeutung. Was bedeutet dieser Trend für die Baywa AG?

Lutz: Die Digitalisierung wird den gesamten Agrarsektor vor weitreichende Veränderungen stellen. Wir erleben eine revolutionäre Evolution in der Landwirtschaft. Als Handels- und Dienstleistungskonzern müssen wir uns darauf einstellen, indem wir nicht nur wie bisher als unabhängiger Partner zwischen Hersteller und Kunde agieren, sondern auch selbst eine führende Position in diesem Sektor einnehmen.

Ein wichtiger Schritt war dabei die Übernahme von PC-Agrar zu Beginn dieses Jahres. Dazu kommt, dass wir uns aber auch intern verändern. So haben wir einige Bereiche des Agrargeschäfts und die Technik unter der Klammer ‚Agrar Services‘ gefasst, um die gemeinsame Digitalisierung voranzutreiben.

Welche Lösungen werden im Konzern entwickelt?

Lutz: In Zukunft müssen wir uns aber daran messen, die Vorteile des Smart Farming für die Mehrheit unserer Kunden nutzbar zu machen. Es geht dabei um pragmatische Lösungen – sowohl unabhängig von den eingesetzten unterschiedlichen Maschinen und Betriebsmitteln als auch von der Betriebsgröße.

Baywa steht hier für maximale Kompatibilität, um die Unabhängigkeit unserer Kunden von einzelnen Anbietern zu erhalten. Ich möchte das aber nicht nur auf den Agrarsektor beschränken. Unser Haus ist in allen Sektoren gefordert, die Digitalisierung unseres Geschäfts und unserer Prozesse weiterzuentwickeln, denn die Anforderungen unserer Kunden an moderne Vertriebskanäle im E-Commerce und entsprechende Dienstleistungen und Beratung lassen nicht auf sich warten.

Welche Unterschiede gibt es im Agrarsektor zwischen kleineren und größeren Betrieben?



Lutz: Der Kundenstamm der Baywa bildet einen Querschnitt der Landwirtschaft in Deutschland ab. Hier sehen wir den Nebenerwerbsbetrieb in Oberbayern ebenso wie technisch bestens ausgestattete landwirtschaftliche Betriebe in Ostdeutschland. Größere Betriebe sind in vielen Punkten die Vorreiter für Smart Farming und profitieren bereits in vielerlei Hinsicht. Die bestehende Kluft zwischen Groß und Klein wird sich aber in Zukunft zunehmend schließen.

Unsere Marktforschung spiegelt uns, dass die mittleren und kleinen Betriebe bereit sind, Smart Farming für sich zu nutzen. Bei diesem Bedarf setzen wir an und werden dafür pragmatische und bezahlbare Lösungen anbieten.

Worin sehen Sie den größten Nutzen für den Anwender?

Lutz: Das Ziel liegt darin, das Optimum aus den individuellen Gegebenheiten des Kunden herauszuholen. Viele denken hier in erster Linie an das betriebswirtschaftliche Potenzial um Energieeinsatz, Betriebsmittelersparnis und Flächenertrag. Das ist richtig, aber nur der Anfang. Die Prozesse reichen vom Betrieb über den vor- und nachgelagerten Sektor hinaus.

Um die Landwirte branchenweit zu erreichen, muss sich der Nutzen der Digitalisierung einstellen, ohne dabei jeden Bauern zum IT-Spezialisten zu machen. Man sollte nicht den Fehler machen und nur an die Top Zehntausend der Landwirte in Deutschland denken, sondern auch an den mittleren Familienbetrieb. Nutzen wird übrigens nicht in nur Euros, sondern auch in Spaß an der Arbeit, Flexibilität und Lebensqualität gemessen.

Was ist speziell mit dem Systemdienstleister PC-Agrar geplant?

Lutz: Als Handelshaus stehen wir im Agrarsektor für Beratung und Verkauf. Die Nähe zu unseren Kunden ist dabei unser schwerstes Pfund am Markt. Angesichts der Geschwindigkeit und Dynamik der Digitalisierung haben wir erkannt, dass wir hier das erforderliche Know-how benötigen, um weiter für unsere Kunden vorangehen zu können. Mit PC-Agrar haben wir diese Plattform für unseren Konzern erschlossen und können nun unsere Kompetenz für Agrarprozesse gestalterisch einbringen. Dabei ist PC-Agrar ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen, in das wir weiterhin investieren werden.

Wie soll das aussehen?

Lutz: Der erste Schwerpunkt liegt darin, die bestehende Produktpalette von PC-Agrar weiterzuentwickeln sowie neue digitale Angebote auf den Markt zu bringen und somit das Leistungsportfolio insgesamt zu verbreitern. Hier denken wir an ein konkretes Angebot im Hinblick auf die Düngemittelverordnung. PC-Agrar wird aber eigenständig mit Kunden und Kooperationspartnern am Markt agieren. Eine Neuigkeit wird den Namen der Vertriebstochter Land-Data Eurosoft betreffen. Die gegebene Namensgleichheit zu der Land-Data GmbH, Visselhövede, mit ihren Angeboten für landwirtschaftliches Rechnungswesen wird mittelfristig nicht weiterbestehen. Wir wollen Verwechslungen vermeiden und unsere Smart-Farming-Lösungen von der Land-Data GmbH abgrenzen.

Auf dem Weg in die digitale Zukunft
Rückwirkend zum 1. Januar 2015 will die Baywa AG die PC-Agrar GmbH übernehmen. PC-Agrar ist ein System- und Softwarehaus mit Sitz im bayerischen Pfarrkirchen. Es wurde 1985 unter dem Namen PC-Agrar Informations- und Beratungsdienst GmbH gegründet mit dem Ziel, Software für Landwirte zu entwickeln, um bei der Betriebsführung Kosten zu sparen und Erträge zu steigern. Die Kartellbehörden müssen dem Vorhaben noch zustimmen. (Sz)

Wo sehen Sie allgemein die Herausforderung der Branche im Zuge der Landwirtschaft 4.0?

Lutz: Fakt ist: Smart Farming findet beim Landwirt statt. Wir sehen unsere Rolle darin, in seinem Auftrag zu handeln – und dazu ist Datenaustausch nötig. Nur durch Transparenz zur Datenverwendung gegenüber dem Kunden wird Vertrauen geschaffen. Für viele sind Begriffe wie Big Data und Cloud jetzt schon Reizwörter. Hier ist Aufklärung gefordert.

Den Anspruch der Landwirte auf Vertrauen und Solidität müssen und werden wir erfüllen. Denn nur mit einer entsprechenden Infrastruktur und der systematischen Auswertung von Daten werden wir die Digitalisierung für unsere Kunden gewinnbringend umsetzen können.

Die Fragen stellte Olaf Schultz
stats