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Rückverfolgbarkeit mit Hilfe der Biometrie - Fälschungssichere "Fingerabdrücke"

Agrarzeitung Ernährungsdienst 6. November 2004; Von Dietrich Holler, Frankfurt a.M.

Ab Januar 2005 muss die EU-Verordnung zur Rückverfolgbarkeit von Futter- und Nahrungsmitteln umgesetzt werden. Die Agrosom GmbH, Echem, bietet dafür die Technik, wie Geschäftsführer Jörg Lickfett im Gespräch mit der Agrarzeitung Ernährungsdienst erläutert.

Ab Januar 2005 wird es ernst. Dann muss nach dem Willen der EU die Rückverfolgbarkeit vom Futtermittel bis zur Ladentheke funktionieren. Wo hakt es noch auf der „grünen Seite“?

Lickfett: Vielen Landwirten ist gar nicht bewusst, dass sie durch die EU-Basisverordnung 178/2002 ab Januar 2005 zu Unternehmern für Lebens- und Futtermittel werden. Sie müssen exakt nachweisen, welches Getreide von welchem Schlag sie wann verfüttern oder verkaufen. Weiterhin sollte der Landwirt von all seinen Produkten Rückstellmuster ziehen, damit er im Verdachtsfall nachweisen kann, ob er betroffen ist. Das Gesetz schreibt derzeit eine dokumentarische Rückverfolgbarkeit vor – jeweils eine Stufe vor und zurück. Liefert der Landwirt Getreide an den Landhandel, gehen die Schwierigkeiten jedoch schon richtig los: Wie viele Chargen sind in einem Silo zusammengefasst? Werden die Silos komplett entleert, oder wird immer wieder von oben nachgefüllt? Wie ist das Probenmanagement des Landhändlers aufgestellt?

Der politische Wille ist eine Sache, die Machbarkeit eine andere. Scheitert die lückenlose Rückverfolgbarkeit an der Realität?

Lickfett: Jede Vermischung erschwert die lückenlose Herkunftssicherung. Versuchen Sie einmal, die Zutaten eines Schokoladeriegels zu jedem potenziellen Urproduzenten zurückzuverfolgen. Am Ende stehen Tausende von „potenziellen Tätern“. Jedes mit Papier arbeitende System, und dazu zähle ich auch die EDV, muss durchgesehen und interpretiert werden. Außerdem sind diese Systeme nicht fälschungssicher. Mit unveränderbaren biometrischen Merkmalen arbeitende Systeme dagegen schon. Dennoch bin ich mir sicher: Eine globale Rückverfolgbarkeit über lückenlose Dokumentation ist nicht machbar. Es ist einfacher, mithilfe der Stabil-Isotopen-Analytik stichprobenartig zu kontrollieren.

Mit Ihrer Stabil-Isotopen-Methode können Sie die Herkunft eines Futterrohstoffs bis auf wenige hundert Meter genau bestimmen. Ist das eher eine theoretische Größe, oder die Zukunft der Rückverfolgbarkeit bis auf die Scholle?

Lickfett: Die Standardfrage aus der Praxis lautet: Stimmt die gelieferte Ware mit der Herkunftsdeklaration überein? Das können wir mit Wahrscheinlichkeiten von über 98,5 Prozent beantworten. Es ist irrelevant, ob ein Einzelrohstoff oder eine gemischte Partie vorliegt. Auch jede gemischte Partie hat ihren individuellen „Isotopen-Fingerabdruck“. Schwierig wird es, wenn für eine Futterpartie kein Rückstellmuster vorliegt. Solche Fälle lösen wir mit einem aktiven Markierungssystem für Futter- und Lebensmittel. Das System funktioniert, indem wir für jeden Kunden einen „Isotopen-Fingerabdruck“ schaffen. Die Systeme lassen sich so einstellen, dass der Kunde zum Schluss entweder sein Futter identifizieren oder auch noch am tierischen Endprodukt die Herkunft aus einer bestimmten Futtermühle nachgewiesen werden kann. Der Marker gilt futter- und lebensmittelrechtlich als unbedenklich. Er ist zudem vom Laves (Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) in Oldenburg im Feldversuch und im eigenen Labor geprüft.

So lassen sich auch Ökoprodukte und konventionelle Ware zweifelsfrei unterscheiden. Wollen das überhaupt alle am Markt Beteiligten?

Lickfett: Natürlich nicht! Insbesondere die Kandidaten, die auf die Fälschbarkeit von Dokumenten und Zertifikaten setzen, haben an unseren Systemen kein Interesse. Da es in der Lebensmittelkette jedoch immer um sehr viel Geld geht, haben insbesondere diejenigen an unseren Dienstleistungen Interesse, die ihre Lieferanten überprüfen wollen. Das geschieht übrigens öfter, als die meisten Lieferanten ahnen.

Alle reden von Kostenführerschaft. Passt ein System wie Ihr Optibrand zur Rückverfolgbarkeit von Wiederkäuern in diese Bestrebungen? Wie funktioniert das Ganze? Was kostet das?

Lickfett: Die HIT-Datenbank weist Fehlerquoten von 10 bis 12 Prozent auf. Ursachen sind hauptsächlich Tippfehler oder unleserliche Handschriften. Mit Optibrand gibt es solche Probleme nicht. Sogar die DNA-Analytik stößt zukünftig an ihre Grenzen, denn geklonte Tiere werden früher oder später kommen. Die Netzhaut ist jedoch selbst bei Klonen unterschiedlich. Wir wollen aber nicht die Ohrmarke ersetzen, sondern die momentan gültigen Systeme absichern und unterstützen. Wir rechnen in Deutschland gegenwärtig mit einem durchschnittlichen Preis von weniger als 10,- € pro Tierleben.

Das gilt für Rinder. Was ist mit anderen Nutztieren?

Lickfett: Die Struktur der Netzhautadern ist bei Wiederkäuern und monogastrischen Tieren völlig unterschiedlich. Aus diesem Grund brauchen wir für diese beiden Gruppen verschiedene Identifizierungsprogramme. Ein Programm für Monogastrier ist in Arbeit. Es gibt aber noch juristischen Klärungsbedarf: Was am Schwein funktioniert, ist auch beim Menschen möglich. Wir klären zunächst die Rechtslage.





Das Prinzip: Fingerabdrücke und Kuhaugen

Eigentlich ist es ganz simpel: Man sucht etwas und hat ein Muster davon. Oder es ist markiert, damit man es wieder erkennt. Oder etwas wird genau vermessen. Dann ist es unverwechselbar. Bei der Agrosom GmbH und ihren Partnerunternehmen Agroisolab GmbH und Optibrand Europe Ltd. klingt das schon komplizierter. Das Muster heißt hier „Stabil-Isotopen-Analytik“ und die Markierung läuft unter „wasserbasierendes Markierungssystem ISO-ID“. Genau vermessen wird mit dem „Optibrand Secure Identity Preservations System“ – kurz „SIPS“. Das jeweilige Prinzip ist einfacher als sein Name.

Das Muster: Die gesamte Materie – also auch der Ackerboden – setzt sich aus wenigen chemischen Elementen zusammen. Die Elemente, beispielsweise Stickstoff und Schwefel, bauen sich wiederum aus Atomen auf. Und die Atome sind auch beim selben Element verschieden. Es gibt sie in unterschiedlich schweren Varianten, sprich Isotopen. Wenn sie nicht mehr zerfallen, werden sie als stabile Isotope bezeichnet. Einige Isotope sind weltweit charakteristisch verteilt. Bis auf wenige hundert Meter genau hat jeder Boden sein typisches Isotopen-Muster – einen Fingerabdruck. Und der ist in dort angebauten Produkten, wie beispielsweise Getreide, erkennbar. Wer den Fingerabdruck hat, weiß, woher eine Charge kommt.

Die Markierung: Wieder kommen die Isotopen ins Spiel. Dem natürlichen (Isotopen-) Fingerabdruck wird noch ein weiterer hinzugefügt. Auf Wasserbasis.

Die Vermessung: Hier geht es um das lebende Tier. So ist die Netzhaut (Retina) vollkommen individuell. Selbst Klonen nutzt nichts: Auch, wenn zwei Tiere genetisch vollkommen identisch sind, hat jedes seine eigene unverkennbare Retina. Wird die vermessen und gespeichert, ist ein Tier zusammen mit dem Orientierungssystem GPS und einer einfachen Ohrmarke lückenlos rückverfolgbar.
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