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Strategien gegen einen ökologischen Kollaps – Marktwirtschaft braucht Ergänzung

Agrarzeitung Ernährungsdienst 7. Juli 2007; Von Dr. Jürgen Struck, Frankfurt a.M.

Die wohlhabenden Länder leben zu einem großen Teil auf Kosten der armen Staaten, kritisiert Prof. Franz-Josef Radermacher. Nach seiner Ansicht lässt sich der drohende ökologische Kollaps durch eine „ökosoziale Marktwirtschaft“ verhindern.

„Weltweit sind Wissen, Geld und Menschen in Bewegung“, erläuterte Franz-Josef Radermacher vor kurzem in Stuttgart. Aber nur ein kleiner Teil der Menschheit profitiere davon, sagte Radermacher während eines gemeinsamen Umweltforums der Stuttgarter Hochschule für Technik und des baden-württembergischen Umweltministeriums: „Zwanzig Prozent der Menschen genießen 80 Prozent des Wohlstandes und verbrauchen dafür 60 Prozent der Ressourcen wie Energie, Nahrung oder Wasser.“

Militärische Konflikte wahrscheinlich

Nach Einschätzung Radermachers ist ein ökologischer Kollaps absehbar, wenn in den sich entwickelnden Ländern wie China alle Menschen den gleichen Wohlstand anstreben, wie er in den Industrieländern als selbstverständlich gilt. Um die Ressourcen, aber auch um Verschmutzungsrechte für industrielle Zwecke werde ein intensiver Wettbewerb entbrennen, der die Weltgemeinschaft in „sehr kritische Situationen“ bringen könnte. Der Wissenschaftler warnte vor militärischen Konflikten und bezifferte Wahrscheinlichkeiten für weltpolitische Entwicklungen bis zum Jahr 2050:

- Ein weltweiter ökologischer Kollaps trete mit 15 Prozent Wahrscheinlichkeit ein,
- ein „ressourcendiktatorisches Sicherheitsregime“ sei mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit zu erwarten,
- die Alternative der „ökosozialen Marktwirtschaft“ erhält 35 Prozent.
Das „ressourcendiktatorische Sicherheitsregime“ verdeutlichte Radermacher mit „der Macht der wohlhabenden Länder, die eine Zuspitzung des Krisenpotenzials und damit die Zerstörung des globalen ökologischen Systems nicht zulassen werden“. Stattdessen würden sie versuchen, die Kontrolle über die verbleibenden Ressourcen einschließlich der Verschmutzungsrechte zu erhalten. So sei es vorstellbar, dass bei Erdöl ein militärisch abgesicherter Freihandel den reichen Ländern Vorteile verschaffe. Radermacher erkennt solche Tendenzen bereits heute.

Europäische Union als positives Beispiel

Die Alternative „ökosoziale Marktwirtschaft“ erfordere dagegen global die Kopplung der Marktkräfte an gewünschte ökologische und soziale Wirkungen. Radermacher nannte ein intelligentes Steuersystem auf den Ressourcenverbrauch, das zur Kofinanzierung von Entwicklungsprojekten verwendet werden könne. Auch müsse geprüft werden, wie sich weitgehend ungeregelte weltweiten Finanztransaktionen dämpfen lassen. Als positives Modell betrachtet Radermacher die EU, die einen Ausgleich zwischen Mitgliedsländern mit verschiedenen Wohlstandsniveaus herbeiführe: Es habe sich in Europa als sinnvoll erwiesen, etwa 1 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung dafür einzusetzen. Ein ähnlicher weltweiter Ausgleich könne die sich verschärfenden Probleme lösen.
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