Report Pflanzenschutz

Kartoffelspezialist wagt sich an Weizen


Anschauungsmaterial: Henning Bergmann (l.) und Dr. Stefan Conradt zeigen in Londerzeel Pflanzenschutzstrategien im Vergleich. Krautfäuleversuche bringen in Trockenjahren die aussagekräftigsten Ergebnisse.
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Anschauungsmaterial: Henning Bergmann (l.) und Dr. Stefan Conradt zeigen in Londerzeel Pflanzenschutzstrategien im Vergleich. Krautfäuleversuche bringen in Trockenjahren die aussagekräftigsten Ergebnisse.

Jedes Jahr kommen von Mitte bis Ende Juni bis zu 2500 Pflanzenschutzhändler und Berater aus ganz Europa ins flämische Londerzeel, um auf dem 14ha großen Versuchsgelände der Belchim Crop Protection aktuelle Feldversuche zu besichtigen. Aus Deutschland stammen etwa 10 Prozent der Besucher, die an den Standort 20km nördlich von Brüssel reisen. Sie konnten in diesem Jahr auf besonders vielen Parzellen Wirkstoffe und Produkte sehen, deren Markteinführung unmittelbar bevorsteht.

„Es ist ein großer Aufwand, die Kunden hierherzuführen", sagt der deutsche Ackerbauberater Henning Bergmann. Doch nach seiner Erfahrung lohnt sich der gemeinsame Gang durch die weiträumigen Versuchsanlagen von Getreide, Mais und Kartoffeln für beide Seiten. „Wir können hier alle praktischen Anwendungsbedingungen visualisieren", erklärt Bergmann den Nutzen für die Besucher. Das Belchim-Team wiederum erfahre durch die Nachfragen und Diskussionen, welche Pflanzenschutzprobleme die Praktiker in den Regionen drücken.

Mittel im Praxistest

Allein der Kartoffel-Herbizidversuch in Londerzeel ist auf drei großen Flurstücken angelegt. Geprüft werden jeweils die Wirkung, die Verträglichkeit und die Nachbaumöglichkeiten verschiedener Wirkstoffe und Mischungen. Ebenso umfangreich sind die Infektionsversuche zur Phytophthora auf dem Acker und in Topfversuchen unter Dach.

Weiter geht es mit Parzellen, auf denen Varianten der Krautabtötung und Keimhemmung gegeneinander antreten. Besucher finden außerdem typische Kartoffelsorten aus ihrer Region wieder. Abgerundet wird das Kartoffelprogramm mit Flurstücken, auf denen Strategien gegen Alternaria zu sehen sind.

Die Fragestellungen der Versuche in Londerzeel werden mit den Ackerbauberatern aus allen europäischen Ländern abgestimmt. Das erzeugt Vielfalt. Im Weizenversuch stehen in diesem Jahr 30 Varianten, die typische Anbauverfahren in Europa abbilden. Dr. Stefan Conradt, der das Deutschland-Geschäft verantwortet, beschreibt einen doppelten Nutzen: „Der Händler sieht zwar das, was er von zu Hause kennt. Aber er kann auch besichtigen, wie es die Nachbarn machen. Es gibt eben nicht nur einen Weg zum Ziel."

Ein weiterer Aspekt ist für Conradt ebenso wichtig: „Wir zeigen alle Seiten des Produktes – nicht nur die Sonnenseite, sondern auch die Grenzen. Unsere Abnehmer können mit solchen Informationen besser einschätzen, wie sie die Produkte im Handel positionieren sollen." Belchim will mit dieser Strategie letztlich Kunden binden. „Unser Know-how zählt und nicht allein der Preis der Pflanzenschutzmittel", nennt Conradt als wichtigstes Argument.

Ehrgeizige Wachstumspläne

Für die kommenden Jahre verspricht Dirk Putteman, Gründer und Firmenchef des belgischen Unternehmens, Wachstum. Ein geplanter Anbau an die bestehenden Gebäude auf dem Versuchsfeld verdeutlicht bereits die Expansionspläne. Die Labore sollen bis zum Frühjahr 2016 um eine Klimakammer mit Regensimulator ergänzt werden. „Wir wollen unsere Produkte noch besser verstehen. Wir haben immer weniger Moleküle, deswegen müssen wir alle Informationen nutzen – etwa zu den Nebenaktivitäten –, auch um Resistenzen zu vermeiden", erklärt Putteman. Ehrgeizig sind seine Umsatzziele. Aus aktuell 425 Mio.€ sollen bis zum Jahr 2020 etwa 800 Mio.€ werden, von denen 700 Mio.€ aus dem europäischen Markt stammen. Der für das Deutschland-Geschäft Verantwortliche Conradt nennt als kurzfristiges Ziel 5Prozent am deutschen Pflanzenschutzmarkt.

Beizung bis Keimhemmung

Über eine breite Palette an Wirkstoffen verfügt Belchim dank Kooperation mit internationalen Herstellern (siehe Kasten). Außerdem hat Belchim in den vergangenen Jahren stetig Rechte an Wirkstoffen erworben und verfolgt eigene Registrierungen. Besonders stark ist das belgische Unternehmen bislang mit Produkten für den Kartoffelbau und als Anbieter für Sonderkulturen. „Für Kartoffeln bieten wir das volle Programm von der Beizung bis zur Keimhemmung", sagt Conradt. Diese „Cluster-Bildung" in den Kulturen hält er für einen entscheidenden Faktor in der Positionierung am Markt. Die „Kernkompetenz Kartoffeln" sei das Modell für andere Kulturen. „Wenn wir etwas Neues machen, dann kommen wir auch gleich mit mehreren Produkten", erklärt der Verantwortliche für das Deutschland-Geschäft.

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Personell aufgestockt

Das gelte für Herbizide in Mais, aber vor allem für den Getreidebau. „Wir warten auf Zulassung eines Getreidefungizids", kündigt Conradt an. Mit einer Markteinführung der ersten Mittel rechnet er in Deutschland ab dem Jahr 2016. Ein Getreideherbizid befinde sich bereits im Belchim-Entwicklungsprogramm und auch gegen Blattläuse habe der Hersteller schon eine Lösung anzubieten. Das Deutschland-Team ist auf das zu erwartende Wachstum vorbereitet. Die Mitarbeiterzahl ist in den vergangenen zwölf Monaten kräftig auf jetzt rund 30 Personen aufgestockt worden, die in der Zentrale sowie in den drei Regionen Nord, Süd und Ost anzutreffen sind.

„Wir gehen in die Vorlage", begründet Conradt die Ausweitung. Vom belgischen Stammsitz weht Rückenwind. „Belchim ist Innovator", sagt der belgische Firmenchef Putteman und ergänzt: „Wir erwarten in den kommenden Jahren im Schnitt einen neuen Aktivwirkstoff pro Jahr." (db)
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