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Modernisierung der Landwirtschaft wird Produktionspotenzial deutlich steigern

8. Oktober 2003; Von Prof. Dr. Franz Mühlbauer, FH Weihenstephan, Verbundgruppe agro activ, Dipl.Ing. Zhabay Bassymbekov, Agraruniversität Almaty, Kasachstan

Kasachstan besitzt günstige Voraussetzungen, um seine Landwirtschaft zu modernisieren. Seit einigen Jahren unterstützt auch der kasachische Staat seine Agrarbetriebe bei der dringend notwendigen technischen Modernisierung. Wenn Bewässerungssysteme installiert und Produktionsmittel wie Mineraldünger und Pflanzenschutz in optimalen Mengen eingesetzt werden, kann angesichts des enorm großen Flächenpotenzials das Produktionsniveau bei Weizen um mindestens das Dreifache gesteigert werden. Kasachstan ist künftig als einer der wichtigsten Mitspieler im internationalen Weizengeschäft ernst zu nehmen.

Im Zuge der anstehenden EU-Erweiterung um acht osteuropäische Staaten muss der Begriff "Drittstaaten" neu gefasst werden. Es rücken Länder an die erweiterte EU heran, die uns teilweise noch etwas fremd erscheinen - wie zum Beispiel der ehemalige Sowjetstaat Kasachstan, der sehr vielen Menschen hierzulande allenfalls aus der Raumfahrt und den Atombombentests der ehemaligen Sowjetunion ein Begriff ist. Aber nachdem im vergangenen Jahr kasachischer Weizen in größeren Mengen die alte EU erreichte, scheint es durchaus an der Zeit, sich mit der Agrarwirtschaft dieses Landes näher zu befassen.

In normalen Erntejahren steht Kasachstan nach Russland und der Ukraine als drittgrößter Getreideexporteur im Reigen der ehemaligen Ostblockstaaten. Dies erscheint insofern bemerkenswert, als die kasachische Landwirtschaft mit einigen schwerwiegenden Problemen zu kämpfen hat. Da Kasachstan über wenig eigene Industrie verfügt, müssen Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel sowie Landmaschinen und Ersatzteile teuer aus dem Ausland importiert werden.

Niederschläge sind rar

Die klimatischen Bedingungen sind alles andere als günstig: Kasachstan liegt im zentralasiatisch kontinentalen Klimabereich. Es gibt sehr wenige Niederschläge - 200 bis 300 mm pro Jahr - und längere Dürreperioden, in denen es zu einer erheblichen Winderosion kommt. Diese Problematik wird dadurch verschärft, dass insbesondere in den südlichen Regionen sich das während der Sowjetzeit gut entwickelte Bewässerungssystem im Verfall befindet und derzeit noch Mittel zur Modernisierung fehlen. Eine intensive staatliche Förderung der landwirtschaftlichen Betriebe wie in der EU kennt man in Kasachstan nicht. Erst seit 2002 werden Haushaltsmittel für die Verbilligung von Krediten für dringend notwendige Investitionen bereitgestellt; 2003 betragen diese Mittel 26 Mio. EUR und bis 2006 soll der jährliche Förderbetrag auf 39 Mio. EUR ansteigen.

Für die landwirtschaftliche Nutzung im engeren Sinn eignen sich 39 Mio. ha. Dazu kommen noch 185 Mio. ha natürliche Weideflächen. Auf den ackerfähigen Böden erlauben die klimatischen Bedingungen fast überall den Anbau von Weizen, Gerste, Hafer, Roggen und Kartoffeln. Auf den bewässerten Flächen in den wärmeren südlichen Landesteilen gedeihen Zuckerrüben, Reis, Tabak, Baumwolle und Wein und liefern gute Erträge.

Dynamische Entwicklung

Die Agrarstrukturen Kasachstans zeigen eine sehr dynamische Entwicklung auf. Nach der politischen und gesamtökonomischen Wende hat sich die Zahl der Agrarunternehmen verzehnfacht. Im Jahr 2002 wurden 150±696 Unternehmen registriert. Darunter befinden sich 122±042 privatbäuerliche Betriebe, die überwiegend seit 1991 neu entstanden sind. Die Zahl der staatlichen Unternehmen lag 2002 bei nur noch 126 Unternehmen. Neu entstanden sind außerdem Unternehmen, die der Rechtsform unserer GmbH entsprechen, Aktiengesellschaften, Agrargenossenschaften und Unternehmen sonstiger Rechtsformen.

Bei der Produktion und damit auch beim Export von Getreide spielt in Kasachstan der Weizen die entscheidende Rolle. Weiterhin wird in Kasachstan noch Gerste, Körnermais, Hafer und Reis angebaut. Der Export von kasachischem Weizen ist in den vergangenen Wirtschaftsjahren angestiegen. In der neuen Saison 2003/04 erwartet der Internationale Getreiderat IGC, London, ein Volumen von 6,0 Mio. t. In diesem Jahr werden vor allem Kasachstans Nachbarstaaten als Käufer auftreten. Marktbeobachter erwarten, dass allein die Ukraine - im vorigen Wirtschaftsjahr noch sehr stark im Export - wegen ihrer witterungsbedingt sehr niedrigen Ernte 1,2 Mio. t aus Kasachstan beziehen wird. Insgesamt wird sich Kasachstan 2003/04 in der internationalen Rangfolge der Getreideexporteure auf Platz 6 hinter den "großen Fünf" USA, EU, Kanada, Argentinien und Australien, aber deutlich vor Russland und der Ukraine positionieren.

Im Hinblick auf die Zielregionen des kasachischen Weizenexports treten als wichtigste Importländer die ebenfalls am Kaspischen Meer liegenden Staaten auf. Hauptempfangsland ist der Iran. Bei den nach Russland und in die Ukraine gelieferten Mengen handelt es sich vorwiegend um Durum und Qualitätsweizen für die Teig- und Backwarenindustrie. Insgesamt erscheint bemerkenswert, dass noch Ende der neunziger Jahre Kasachstan sein Getreide überwiegend nach Russland ausführte. In der Saison 2002/03 hingegen wurde der meiste Weizen in nicht zur GUS gehörende Staaten ausgeführt. Kasachstan ist es also gelungen, neue Nicht-GUS-Exportmärkte zu erschließen.

Entsprechend ausgebaut werden die Transportmöglichkeiten. Im Hafen Aktau, Kaspisches Meer, läuft der Ausbau zu einem logistischen Zentrum mit der zusätzlichen Funktion eines Transitknotenpunktes. Bereits 2001 wurde die Errichtung eines neuen Terminals abgeschlossen, die eine zusätzliche Exportkapazität von jährlich 300.000 t Getreide schuf. Um den Hafen in Zukunft noch stärker für Getreideausfuhren nutzen zu können, sollen auch die Eisenbahnverbindungen zu den im Norden des Landes liegenden Erzeugerregionen modernisiert werden. Auch ein weiterer Hafenausbau ist geplant. Wenn diese Erweiterungskapazitäten fertig gestellt sind, können über den Hafen Aktau jährlich mehr als 2 Mio. t Getreide exportiert werden. Derzeit bildet die Eisenbahn für die Exportlogistik noch das wichtigste Transportmittel: Im Jahr 2002 gelangte mit 3,5 Mio. t das meiste Getreide per Bahn ins Ausland. Da dieser Transportweg teuer ist, werden Alternativen gesucht. So wurde 2001 erstmals der estnische Hafen Muuga/Tallinn für die Ausfuhr kasachischen Getreides genutzt. Darüber hinaus soll künftig im rumänischen Schwarzmeerhafen Konstanza kasachisches Getreide für den Export verladen werden. Mit der rumänischen Regierung wurden deswegen Verhandlungen aufgenommen.

Qualitäten wenig differenziert

Die kasachische Getreidewirtschaft muss allerdings auch noch Qualitätsprobleme lösen. Derzeit stellt in Kasachstan der Gehalt an Kleberanteil den einzigen wertgebenden Bestandteil dar, bei dessen Bestimmung sehr einfache Methoden angewendet werden. Diese wenig differenzierte Einstufung nach fünf Stufen ermöglicht es den Erfassungsunternehmen, Getreide beim Ankauf unangemessen niedrig zu bewerten. Um dies künftig auszuschließen, plant das kasachische Agrarministerium, die europäischen Qualitätsstandards für Getreide einzuführen. Dieses Vorhaben scheiterte bislang am heftigen Protest der Getreide-Erfassungsorganisationen.

Bei den Produzenten ist das Bestreben, hochwertiges Qualitätsgetreide zu erzeugen, recht mäßig ausgeprägt. Dafür zeichnen die bislang niedrigen Erzeugerpreise verantwortlich, die in Kasachstan wegen der mangelnden Markttransparenz häufig unter Weltmarktpreisniveau liegen. Dies hat zur Folge, dass minderwertiges Saatgut zum Einsatz gelangt und pflanzenbauliche Grundregeln missachtet werden.



Kasachstan in Zahlen:

Die Gesamtfläche Kasachstans beträgt 2,717 Mio. km² und macht damit ungefähr das Achtfache der Fläche Deutschlands aus. Das Land in Zentralasien hat China, Russland, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgistan und - über das Kaspische Meer - Iran und Aserbaidschan als Nachbarn. Im Vielvölkerstaat Kasachstan leben knapp 15 Millionen Menschen, wobei eine große Toleranz zwischen den verschiedenen Ethnien herrscht. Kasachstan erweist sich als stabiles Land; als Garant hierfür steht Staatspräsident Nasarbajew. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Kasachstan im Jahr 1991 unabhängig. Nach einer ersten Phase des wirtschaftlichen Niedergangs wurde Ende 1995 die gesamtökonomische Talsohle durchschritten. Die Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes können sich sehen lassen: 2001 wurde eine Steigerung von 13 Prozent, 2002 von 7 Prozent erreicht.
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