Horst Hermannsen zur Amtsübergabe beim DBV

Gerd Sonnleitner war ein Glücksfall für den Deutschen Bauernverband (DBV). Dass ausgerechnet er, der schlicht und bieder Wirkende, einmal die radikalste Wende seit Schaffung einer Gemeinsamen Agrarpolitik in Europa mitgestalten sollte, konnten sich seine frühen Weggefährten nicht vorstellen. Am wenigsten wohl er selber.

Wie bequem hatten es doch seine Vorgänger, für die staatliche Markt- und Absatzgarantien der Maßstab aller Dinge waren. Sie konnten die Politik schon auf Grund der schieren Masse bäuerlicher Wähler erpressen – übrigens nicht immer zum Wohle der Landwirtschaft, wie man längst weiß. Sonnleitner hat frühzeitig die Unausweichlichkeit des Strukturwandels als Folge von betriebswirtschaftlichem Können gut ausgebildeter Bauern erkannt. Im Zuge der politisch gewollten Hinwendung zur Marktwirtschaft hat er ihn auch befürwortet. Das brachte ihm die Gegnerschaft, ja nicht selten sogar den Hass derer ein, die mit sich ändernden Zeitläuften überfordert sind. Sie scheuten nicht davor zurück, dem DBV-Präsidenten wider besseres Wissen Unredlichkeit und Kumpanei mit der Agrarindustrie vorzuwerfen. Aus historisch überlieferter Bauerntumsideologie erhielt sich besonders in Deutschland, teilweise bis in die Gegenwart, das Leitbild des kleinbäuerlichen Familienbetriebs. Dabei hat vor allem die politische Wende im Osten der überlieferten Ideologie den Gegenstand genommen. Dennoch halten Gruppen wie der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) oder die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) am alten Leitbild fest. Sie gehörten zu den erbittertsten Kritikern Sonnleitners. Hätten sie Erfolg, wären sie der Hemmschuh einer progressiven Entwicklung in der Landwirtschaft und würden deren Wettbewerbsfähigkeit unterwandern. Zwangsläufig müsste damit der Bauer, einst Zierde und Rückgrat der Nation, in den Augen der Gesellschaft zum Almosen empfangenden Müßiggänger verkommen. Zwar sind die meisten Landwirte auch heute noch keine Unternehmer im klassischen Sinne. Schließlich besteht ihr Einkommen überwiegend aus Subsidien. Sonnleitner ist es mit zu verdanken, dass die Öffentlichkeit davon aber kaum Kenntnis hat. Im EU-Konzert setzte er sich vehement für Ausgleichszahlungen ein, wo es doch längst nichts mehr auszugleichen gibt. Sonnleitner hat seinen Erfolg in besonderer Weise auch DBV-Generalsekretär Helmut Born zu verdanken. Born hat ihn anfangs fast unbemerkt an die Hand genommen und gesteuert. Gerade unter dieser Führung konnte der Bauernpräsident aus der Provinz in Niederbayern den Eindruck einer gewissen Weltläufigkeit vermitteln.

Sein Nachfolger, Joachim Rukwied, kann nur kurze Zeit vom Geschick Borns profitieren. Dies muss kein Nachteil sein. Schließlich bringt der Baden-Württemberger ein anderes Format mit, schon allein wegen seines Alters. Er ist mit den Umbrüchen in der Landwirtschaft groß geworden. Das Füllhorn staatlicher Unterstützung steht den Bauern nicht auf ewig zur Verfügung. Das muss er seinen Verbandsmitgliedern deutlich machen. Rukwied hat seine eigene Betriebsorganisation auf Marktwirtschaft ausgerichtet. Ein Vorgang, der in Süddeutschland keine Selbstverständlichkeit ist. Er gilt als geradlinig, konsequent und ehrlich – die besten Attribute für das neue Amt.
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