Olaf Schultz zur Situation im Mühlensektor

In der von Überkapazitäten geprägten deutschen Mühlenbranche deutet sich Entspannung an. Den aktuellen Zahlen zufolge sind bundesweit noch 261 meldepflichtige Mühlen erfasst, sage und schreibe 100 Unternehmen weniger als zehn Jahre zuvor. Gleichzeitig stieg die Vermahlungsleistung der Betriebe in dem genannten Zeitraum um mehr als 50 Prozent an. Alles auf dem richtigen (Markt-)Weg, möchte man meinen. Größe allein ist jedoch in einer knallhart umkämpften Arena wie dem Mehlmarkt längst kein Garant für eine sichere Existenz.

Erschwerend für die Mühlenbranche kommt hinzu, dass der Strukturwandel in den vor- und nachgelagerten Sektoren noch schneller vonstatten geht. Die Konzentration auf der Abnehmerseite, insbesondere im Backgewerbe und im Lebensmitteleinzelhandel, hat die Müller in den vergangenen Jahren unter einen erheblichen Wettbewerbsdruck gesetzt. In dieser unkomfortablen „Sandwich-Position“ nur darauf zu spekulieren, dem Mühlensterben noch möglichst lange zu entrinnen, dürfte als „Firmenphilosophie von morgen“ für erfolgreiche Unternehmen künftig nicht mehr ausreichen. Die VK Mühlen AG, mit etwa 17 Prozent Marktanteil Deutschlands größte Mühlengruppe, hat dies offenbar erkannt. Seit dem vergangenen Jahr versucht der wirtschaftlich schwer angeschlagene Konzern, sich am Markt neu aufzustellen. Mit dem Geld aus dem Verkauf der polnischen Mehlaktivitäten sollen jetzt die deutschen Standorte komplett für die Zukunft fit gemacht werden. In Kenntnis des Dilemmas im deutschen Mühlensektor betont Konzernchef Christoph Kempkes, auf diesem Weg „viel alte durch weniger neue Kapazität zu ersetzen“. Ganz oben auf seiner Agenda sind die Ziele angesiedelt, die Effizienz in den bundesweit zehn Mühlen zu steigern und die Kosten signifikant zu senken. Dazu beitragen sollen in den kommenden Jahren auch eine neue Strategie des Rohstoffeinkaufs in Form „enger, belastbarer Beziehungen“ zu den Lieferanten sowie ein ausgefeilteres Risikomanagement. Immerhin machen die Einstandspreise für Getreide in der betrieblichen Kalkulation einer Mühle mit durchschnittlich rund 80 Prozent den Löwenanteil aus.

In den vergangenen beiden Geschäftsjahren summieren sich die Verluste von VK Mühlen auf fast 50Mio.€. Für die laufende Saison veranschlagt VK Mühlen noch einen Fehlbetrag in „einstelliger Millionenhöhe“. Letztlich dürfte für die Zahlen unter dem Strich jedoch entscheidend sein, wie sich die in dieser Woche von der französischen Kartellbehörde verhängte Geldbuße auswirkt. Bereits ab dem Geschäftsjahr 2012/13 werden in der Hamburger Zentrale wieder Gewinne in Aussicht gestellt – ein sehr ehrgeiziges Ziel. Selbst wenn bis dahin die Kosten wie geplant sinken, darf für die erhofften höheren Mehlpreise ein entscheidender Fakt nicht übersehen werden: Nach wie vor beziffern Branchenexperten die Überkapazitäten am deutschen Mehlmarkt auf etwa 15 bis 25 Prozent. Diese Dimensionen erschweren es maßgeblich – selbst bei immer weniger Wettbewerbern –, mit Mehl hierzulande Geld zu verdienen.
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