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Unbegreiflich

Von Olaf Schultz, Frankfurt am Main

Die deutschen Landwirte sind gegen extreme Witterungsunbilden im internationalen Vergleich schlecht gerüstet. Einen umfassenden Versicherungsschutz gibt es - abgesehen von der Hagelversicherung - bislang nicht. Die Folgen von Naturgewalten müssen die Landwirte selbst tragen und können somit durchaus in eine existenzielle Schieflage kommen. In vielen Ländern der EU, aber auch bei den Wettbewerbern in den USA und Kanada, besteht hingegen schon lange die Möglichkeit, sich gegen schwere Unwetter zu versichern. Nun ist endlich auch in Deutschland das Konzept einer Mehrgefahrenversicherung von der Versicherungswirtschaft und dem landwirtschaftlichen Berufsstand erarbeitet worden mit dem Ziel, zur Einkommensstabilisierung in der Landwirtschaft beizutragen.

Der Versicherungsschutz soll Ertragsausfälle infolge extremer Witterungserscheinungen abdecken. Zu den versicherbaren Gefahren zählen Hagel, Auswinterung, Frost, Sturm, Starkniederschlag und daraus resultierendem Hochwasser sowie Trockenheit. Eine Schadensregulierung könnte laut Entwurf im Prinzip für alle Ackerkulturen übernommen werden. Dass eine solche Versicherung in der Landwirtschaft durchaus angebracht ist, verdeutlicht die gegenwärtige Situation insbesondere in vielen Regionen Süd-, Nord- und Ostdeutschlands, wo das Hochwasser großflächige Schäden, oft auch Totalausfälle, bei den Feldfrüchten verursachte. Aktuelle Umfragen bei Landwirten belegen zudem, dass die meisten eine Mehrgefahrenversicherung abschließen würden. Start frei für ihr In-Kraft-Treten, lautet die logische Schlussfolgerung - Irrtum. Ein solcher, weit über das Hagelrisiko hinausgehende Versicherungsumfang ist nämlich an die Bedingung geknüpft, dass der Staat die erforderlichen Prämien durch Zuschüsse stützt. Die USA beispielsweise verbilligen die Prämien für ihre Farmer mit Zuschüssen von bis zu 75 Prozent. Das jetzt für Deutschland erarbeitete Konzept ist dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMVEL) zugeleitet worden. Bis auf eine erste, dem Vernehmen nach wohlwollende Äußerung zu dem Vorhaben steht eine konkrete Entscheidung im BMVEL noch aus. Angesichts der katastrophalen Situation in zahlreichen Landwirtschaftsbetrieben ist dies unbegreiflich, da wertvolle Zeit für eine Markteinführung der Versicherung verstreicht.

Naturgewalten mit großen Schäden in der Landwirtschaft machen längst um Deutschland keinen Bogen mehr. Klimaforscher erwarten in Zukunft noch kürzere Intervalle und eine größere Intensität. Allein von 1991 bis 2000 verursachten Wetterextreme Schäden von etwa 3 Mrd. EUR. Dennoch ist der Weg vom Denken zum Handeln hierzulande viel zu lang. Die Zeit für die Einführung einer Mehrgefahrenversicherung in Deutschland ist nicht zuletzt aus Gründen der Chancengleichheit zwischen den Landwirten in der EU und ihren globalen Wettbewerbern überreif. Die Bundesregierung sollte schnellstens grünes Licht für eine derartige Versicherung geben in Form finanzieller Mittel zur Prämienstützung. So bitter es für die aktuell vom Hochwasser betroffenen Landwirte auch klingen mag: Zu hoffen bleibt, dass das Jahr 2002 mit seinen extremen Wetterunbilden einen Vorschub für die rasche Einführung einer Mehrgefahrenversicherung in Deutschland leisten wird.
 
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