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Unterschätzt

Von Dagmar Hofnagel, Bad Kreuznach

Im Moment scheint es schier unmöglich, einhellige Meinungen über den weiteren Verlauf des Weizenmarktes im restlichen Getreidewirtschaftsjahr zu finden. Das vergangene halbe Jahr hat Handel und Verarbeiter gelehrt, dass es neue Wege für Warenströme gibt, die bisher unterschätzt wurden.

Nach der unerwartet schwierigen Ernte in Deutschland mit sehr heterogenen Qualitäten, wurde die Hoffnung geschürt, dass für Weizen nur ein stabiles Preisniveau zu erwarten war. Dies galt vor allem für den Norden Deutschlands, wo die Ernte zu einem beträchtlichen Teil an Qualität und Menge ausfiel. Bis in den frühen Herbst hinein war eine gewisse Festigkeit für Brotweizen am Markt zu spüren. Bald stellte sich jedoch eine schwächere Preistendenz und schließlich eine Stagnation ein. Grund waren Weizenlieferungen unter anderem aus Ungarn, Tschechien, der Ukraine oder Russland – Länder, die bisher als Lieferanten nicht Ernst genommen wurden. So konnten sich die Mühlen mit zum Teil hochwertiger Ware eindecken und einige haben ihre Produktion bis heute und darüber hinaus auf diese Qualitäten eingestellt. Für vordere Termine dürften sie recht gut versorgt sein. Die hiesigen Brotweizenpartien dienen als Grundlage für die ausländischen Aufmischqualitäten.

Während sich die deutsche Agrarwirtschaft mit ihrer schlechten Ernte beschäftigte, brachten unsere französischen Nachbarn wider Erwarten doch eine qualitativ, vor allem aber quantitativ ordentliche Ernte ein, und haben damit bis heute Einfluss auf die europäischen Weizenkurse. Ebenso bleiben die englischen Offerten nicht ohne Bedeutung. Für die Brotweizenkurse in Deutschland wird für die kommenden Monate, abgesehen von regionalen Märkten, keine deutliche Schwäche, aber auch keine wesentliche Erholung erwartet. Darüber sollten auch kurzfristige Preisbesserungen nicht hinwegtäuschen, die im Moment eher durch eine eingeschränkte Logistik zu erzielen sind. Eis und Hochwasser werden den Markt nicht dauerhaft begleiten.

Da hochwertige A- und E- Qualitätssorten aus heimischer Produktion nicht reichlich zur Verfügung stehen, bleibt hier den Verkäufern das Prinzip Hoffnung auf bessere Konditionen. Weil aber traditionell zunächst die weniger gute Ware an den Markt kommt und die besseren Partien der Spekulation dienen, könnte es für manche Partie zu spät sein, wenn sie noch länger gehütet wird. Der derzeitige US-Dollarkurs macht den Weg frei für den qualitativ hochwertigen Dark Northern Spring aus den USA. Zumindest die großen Verarbeiter in der Nähe der Seehäfen werden sich diese Angebote ansehen und sind dann möglicherweise keine Käufer mehr in der EU. Exporte an Weizen generell aus der EU waren bisher enttäuschend und sind derzeit aus währungsbedingten Gründen eher schleppend.

Neu ist die Empfehlung nicht, dass Märkte kontinuierlich zu bedienen sind. Den sich ständig verändernden Handelsströmen sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es zeigt sich, dass die Verarbeiter nicht unbedingt auf hiesige Ware angewiesen sind. Hiesige Händler und Landwirte sollten kalkulierbarer werden, wenn sie im Rennen bleiben wollen. Denn trotz der zu Beginn des Jahres eingeführten EU-Importkontingente werden die „neuen“ Exportländer versuchen, die gewonnenen Absatzmöglichkeiten zu verteidigen oder andere hinzuzugewinnen.
 
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