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Bernd Springer

zum Jahreswechsel

Aussichten

Ein schwieriges Jahr für die gesamte Agrarbranche geht zu Ende. Es begann mit der Ankündigung einer weit reichenden EU-Agrarreform, die mittlerweile in ihren Eckdaten bekannt, aber in den Auswirkungen noch nicht überschaubar ist. Dann war 2003 erneut ein Jahr der Wetterextreme: Nach Kahlfrösten herrschte extreme Trockenheit bis in den Spätsommer, was zu einer deutlich verminderten Getreideernte führte. Zwar konnte das gute Preisniveau anschließend für etwas Linderung sorgen. Dies aber nur für diejenigen, die mit der Vermarktung lange genug warten konnten. Insgesamt lagen die Verkaufserlöse beim Getreide wohl deutlich unter dem Vorjahr. Auch die Investitionen von landwirtschaftlichen Betrieben und Agrarunternehmen lagen auf Grund politischer Unsicherheit und ungenügender Einkommen brach.

Die politischen Vorgaben durch die EU-Agrarreform werden im kommenden Jahr den Strukturwandel in der Landwirtschaft beschleunigen. Gebremst wird das Tempo nur durch die lahmende Wirtschaftskonjunktur. Sollte diese tatsächlich anspringen – und dafür gibt es einige Anzeichen – böten sich mehr Einkommensalternativen im ländlichen Raum, und der Strukturwandel bekäme einen zusätzlichen Schub. Die Entkoppelung der Prämien wird in der Pflanzen- und Tierproduktion neue Impulse für am Markt ausgerichtete Produktionsentscheidungen geben. Denn weltweit werden künftig immer mehr Nahrungsmittel benötigt und bei positiver Wirtschaftsentwicklung auch nachgefragt werden. Diejenigen Landwirte, die schon im kommenden Jahr die Produktionsmöglichkeiten, die ihnen durch die Senkung der obligatorischen Stilllegung geboten wird, ausnutzen, legen den Grundstein für ein Jahr mit mindestens „normalen“ Ernteerträgen. Die Entscheidung dafür fällt in den nächsten Wochen mit der Frühjahrsbestellung. Dann bleibt die Hoffnung, dass sich 2004 nicht wieder als Jahr der Wetterextreme erweist.

Auch der Agrarhandel kann ein normales Erntejahr gut vertragen. Hier fehlen im abgelaufenen Jahr Umsätze beim Betriebsmittelverkauf und im Getreidehandel. Dies hat auch im Handel den Strukturwandel angeheizt. Erste Zahlen des Raiffeisenverbandes deuten auf eine Beschleunigung hin. Sie dürften auch die Entwicklung im privaten Agrarhandel widerspiegeln, die sich im kommenden Jahr mit geplanten, absehbaren und zu erwartenden Fusionen fortsetzen wird. Trotz oder gerade wegen der jüngsten Fusionen bei Hauptgenossenschaften kann sich der private Landhandel – regional in unterschiedlichem Ausmaß – als wichtiger Partner bei Bezug und Vermarktung positionieren. Genossenschaftliche und private Unternehmen, die exportorientiert handeln, können darüber hinaus mit neuen Absatzchancen in den EU-Beitrittsstaaten rechnen.

Bei allen Anforderungen, die auf die Agrarbranche 2004 zukommen – beispielsweise GVO-Kennzeichnung, Verschneidungsverbot für Rohstoffe in der Mischfutterherstellung, EU-Erweiterung und die Agrarreform – bleiben den Unternehmen ausreichend Gestaltungsmöglichkeiten, sich am Markt zu positionieren. Diejenigen, die auf Grund der Betriebsstruktur und der Qualität des Managements Nutznießer des Strukturwandels sein werden, haben mittel- und langfristig gute Perspektiven.
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