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Olaf Schultz

zur Mykotoxin-Verordnung

Praxisfremd

Im Februar trat in Deutschland die Verordnung zur Änderung der Mykotoxin-Höchstmengenverordnung in Kraft. Mit ihr eilt der Gesetzgeber hierzulande der Brüsseler EU-Kommission voraus, die derzeit eine ähnliche Verordnung auf EU-Ebene vorbereitet. Deutschland glänzt wieder einmal als Vorreiter auf europäischem Parkett, möchte man meinen. Die nationale Verordnung mit ihren zu niedrig angesetzten Mykotoxin-Grenzwerten für verarbeitetes Getreide ist jedoch geradezu praxisfremd und beschert allen an der Produktion von Getreide beteiligten Branchen in Deutschland eine Vielzahl von Problemen.

Laut Verordnung gilt für das Mykotoxin Deoxynivalenol (DON) in Getreidekörnern zum direkten Verzehr sowie in verarbeiteten Getreideerzeugnissen ein Höchstgehalt von 500 µg/kg. Für Brot, Kleingebäck und feine Backwaren ist eine Höchstmenge von 350 µg/kg vorgesehen. Für das Mykotoxin Zearalenon (ZEA) sieht die Verordnung in Getreideerzeugnissen einen Höchstwert von 50 µg/kg vor. Keine Höchstwerte sind für unbearbeitetes Getreide definiert worden. Demnach gelten Landwirte und Erfassungshandel im Sinne der Verordnung nicht als Inverkehrbringer, sondern die Mühlen. Da Verstöße gegen die Bestimmungen eine Straftat darstellen, sieht sich die Mühlenbranche wiederum veranlasst, nur noch Getreide vom landwirtschaftlichen Erzeuger oder Händler anzunehmen, das die maximal zulässigen Werte nicht überschreitet. Verankert wird diese Forderung in entsprechenden Klauseln der Einkaufskontrakte. Das Vorgehen stößt insbesondere im Handel auf ein zweigeteiltes Echo. Einerseits wird betont, die Reaktion der Mühlen sei nachzuvollziehen, da diese durch die Verordnung den „Schwarzen Peter“ zugeschoben bekommen hätten. Andererseits heißt es, die damit verbundene vollständige Verlagerung der Verantwortlichkeit auf die Vorstufen sei nicht hinnehmbar und werde abgelehnt. Alle Für- und Wider-Diskussionen bringen die Sache leider keinen Schritt voran. Wichtig ist vielmehr, dass die Vertreter aller beteiligten Stufen, einschließlich der Wissenschaft, nach einer gemeinsamen Lösung suchen. Zwar kommt den Landwirten dabei eine Schlüsselrolle zu, indem sie bereits beim Anbau des Getreides alle Maßnahmen zur Vermeidung von Fusariosen ergreifen. Wenn aber die Witterung nicht mitspielt, können selbst ausgefeilte Minimierungsstrategien nicht ihr Ziel erreichen. Zudem gibt es zurzeit weder eine geeignete Standardmethode, noch einen wissenschaftlich abgesicherten Schnelltest für Mykotoxine. Ohne ein solches praxistaugliches Schnelltestverfahren sind die in der Verordnung festgeschriebenen Grenzwerte für Landwirte, Händler und Verarbeiter aber nicht zu kontrollieren und einzuhalten, insbesondere unter dem Druck der Ernteerfassung.

Die Witterung in den kommenden Tagen wird wesentlich darüber entscheiden, ob 2004 ein „Fusarien-Jahr“ wird oder die Branche mit einem „blauen Auge“ davonkommt. Aktuellen Befragungen zufolge schätzen etwa zwei Drittel der Landwirte den Befall mit Pilzkrankheiten in Getreide als mittel oder hoch ein. Zur Ernte 2005 könnten die Karten dann neu gemischt werden. Eine Rechtsverordnung zu Mykotoxin-Höchstwerten auf EU-Ebene wird gegenwärtig vorbereitet. Sie würde nach derzeitigem Kenntnisstand zum 1. Juli 2005 in Kraft treten. Im Falle von höher angesetzten Grenzwerten müsste die nationale Verordnung angepasst werden. Bleibt zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen auf EU-Ebene weniger am reinen Vorsorgeprinzip orientieren, sondern eher an einer praxisgerechten Handhabung.
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