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Jörg Foshag

zu französischen Visionen

Absatzmärkte

Das Wirtschaftsjahr 2003/04 ist ein ungewöhnliches Getreidejahr. Die Ernten und Ablieferungen waren äußerst niedrig, die Preise ungewöhnlich hoch und die Endbestände werden Niedrigrekorde schlagen. Die üblichen Sorgen über die Absatzmärkte fanden nicht statt. Dafür besteht die Gefahr, dass sich die Getreidewirtschaft an den atypischen Zustand gewöhnt. Der Spitzenverband der französischen Weizenerzeuger (AGPB) warnt seine Mitglieder davor, in einer niedrigen Angebotsmenge ein brauchbares Mittel für die Steigerung der Preise zu sehen.

Schon die neue Saison dürfte eine Änderung der Marktrelationen bringen. Wenn es nicht im letzten Augenblick klimatische Überraschungen gibt, wird die Getreideproduktion der 25 EU-Staaten kräftig anziehen. In Frankreich sind die Anbauflächen für Weichweizen beispielsweise um mehr als vier Prozent ausgedehnt worden, wie das Agrarministerium ermittelt hat. Daniel Perrin, der Generaldirektor des Getreideamtes Onic, gibt zu bedenken, dass die für den Drittlandsexport zur Verfügung stehenden Mengen in der Gemeinschaft im nächsten Jahr erheblich höher sein werden, als dies in den vergangenen Monaten der Fall war. Auch die AGPB appelliert an die französischen Getreideerzeuger, die Chancen auf dem Weltmarkt zu nutzen. Hoffnungen bestehen durchaus. Wichtige Märkte wie China, der Maghreb oder Ägypten erleben eine rasch steigende Nachfrage nach Fleisch. Damit steigt der Bedarf dieser Länder an Getreide und mit ihm die Bereitschaft zu Importen. Andererseits ist klar, dass sich auch auf wachsenden Märkten ein scharfer Konkurrenzkampf abspielen wird. Die Aussicht, die EU könne eines Tages auf Exporterstattungen verzichten, bereitet in Getreidekreisen blankes Entsetzen. Immerhin hat das zu Ende gehende Wirtschaftsjahr den Verantwortlichen etwas Luft verschafft. Die Stimmung ist lange nicht mehr so gedrückt, wie dies noch vor zwei Jahren der Fall war. Dies bietet Verbänden wie der AGPB die Möglichkeit, längerfristige Perspektiven zu entwickeln. Neben der Suche nach neuen Exportmärkten kommt dabei auch die Schaffung neuer Verwertungsrichtungen für Getreide ins Spiel. Die Idee, einen Teil der Produktion etwa von Weichweizen und Mais für die Herstellung von Bioethanol zu verwenden, ist erneut aktuell geworden. Der seit Jahrzehnten verfolgte Plan hat Auftrieb bekommen durch die rasante Steigerung des Preises für Erdöl in jüngster Zeit. Denn je mehr der Erdölpreis steigt, umso eher kann Bioethanol eine reelle Chance bekommen. Inzwischen haben die französischen Erzeuger schon klare Vorstellungen, in welche Größenordnungen die Produktion von Bioethanol gehen könnte. Für das Jahr 2010 wird eine Erzeugung von 10 Mio. hl aus Weichweizen und aus Mais angestrebt.

Die Frage ist freilich, ob die Politik mitspielt. Sie muss die Produzenten von Bioethanol entlasten, etwa durch Steuermaßnahmen, wenn der neue Wirtschaftszweig konkurrenzfähig werden soll. Und sie muss überdies dafür sorgen, dass die Konkurrenz aus Übersee nicht zum Zuge kommt. Die Verhandlungen der EU mit den Mercosur-Staaten in Bezug auf Importkontingente für Bioethanol werden deshalb mit äußerstem Argwohn beobachtet. Denn es hat den Anschein, dass Länder wie Brasilien, die auf den potenziellen Markt für Bioethanol in Europa schielen, zum Zuge kommen möchten. Die französischen Erzeuger sind fest entschlossen zu verhindern, dass eine sich langsam entwickelnde Bio8ethanolproduktion in Europa im Keim erstickt wird. Aber es ist nicht sicher, ob die Getreidebranche dazu noch ausreichend politische Trümpfe hat.
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