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Gisela Haas

zur RHG/RCG-Fusion

Aufbruch

Der Zeitpunkt der RHG/RCG-Fusion ist nicht nur durch die Situation der beteiligten Unternehmen richtig, er passt auch gut ins derzeitige unternehmerische Umfeld in Deutschland. Wenn der scheidende, führungsstarke Aufsichtsratsvorsitzende Hans Brunn und der neue Agravis-Chef Dr. Clemens Große Frie von den bisherigen, erforderlichen Sanierungs- und Restrukturierungsmaßnahmen berichten, die für die Mitarbeiter Härten, Verzichte und Unannehmlichkeiten und für die Aktionäre Verluste bedeuten, dann harmonisiert dies mit den täglich zu hörenden Fernsehberichten und -diskussionen zur Zukunftssicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Vertraut klingt auch die Zusicherung des Vorstandsvorsitzenden, dass die harten Zeiten noch nicht vorbei sind und weitere Maßnahmen notwendig werden könnten.

Diese Situation bietet zwei Vorteile: Zunächst können Fehlentwicklungen und eingetretene Vermögensverluste ehrlicher eingestanden werden. Mehr auf Akzeptanz stoßen damit auch ausreichende Rückstellungen, durch die alle Risiken und ausstehende Aufwendungen abgedeckt werden. Die speziell an schlechte Nachrichten aus der Krausenstraße inzwischen gewöhnten Aktionäre erkennen dies als notwendige Maßnahme für die seit Jahren angestrebte und nun völlig alternativlose Fusion an. Den Münsteraner Genossenschaften konnte der ohnehin vorteilhafte Schritt durch die Neubewertung der Unternehmen und der entsprechenden positiven Entwicklung des Wertes ihrer Mitgliedsanteile erleichtert werden. Die „überwältigenden Zustimmungen“ der General- sowie Hauptversammlungen in Münster waren die Folge der Fusionsvorbereitung, womit ein klares Startsignal für das neue Unternehmen gelungen ist.

Noch wichtiger dürfte für die Zukunft von Agravis allerdings die Bestätigung von Große Fries Aussage werden, dass die zahlreichen schmerzhaften „unternehmerischen Maßnahmen“ zu einer Aufbruchstimmung in Richtung eines modernen Handels- und Dienstleistungsunternehmens geführt haben, welches „näher an den Kunden, näher an den Genossenschaften, näher an den Partner und noch näher an das Geschäft rückt, und damit selbst die Zukunft des Unternehmens mitbestimmen will“. Diese Aufbruchsbereitschaft als zweiter Vorteil der unternehmensfreundlicheren Stimmung im Lande könnte unterstützt werden durch die Beherzigung von drei Ratschlägen, die Brunn den Aktionären mit auf den weiteren Weg mit Agravis gegeben hat: Die Landwirte sollen das Unternehmen mit ihren besten Köpfen ausstatten; die Primärgenossenschaften mit ihrer Mutter handeln und die Führungskräfte investieren wie mit ihrem eigenen Geld.

Die Aufbruchstimmung im Lande kann den Aufbruch bei Agravis erleichtern und helfen, die im gewählten Namen ausgedrückten Hoffnungen zu realisieren. Der Name ist hergeleitet vom lateinischen „ager“ für Acker und „vis“ für Kraft. Letztere muss sich im Alltagsgeschäft erst noch beweisen – bisher könnte „vis“ auch die Abkürzung für Vision darstellen. Für Raiffeisen ist darin kaum noch Platz, wie das neue Logo augenscheinlich zeigt.
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