1

Bernd Springer

zum Online-Handel

Zweite Chance

Lange nichts mehr vom Online-Handel und E-Business gehört? Das verwundert nicht, denn fast alle der mit großblumigen Versprechungen und hochgesteckten Erwartungen Anfang dieses Jahrzehnts angetretenen Agrar-Handelsplattformen sind gescheitert. Aus der Traum, aus dem Nichts in kurzer Zeit einen Online-Kundenstamm zu gewinnen, der den Plattformen auskömmliche Provisionen beim Handel mit Getreide, Futtermitteln und Betriebsmitteln beschert. Nur einige wenige Anbieter sind mit Speziallösungen noch präsent, die weit davon entfernt sind, einen großflächigen und umfassenden Online-Agrarhandel darzustellen.

Nachdem die einen aus ihren Träumen zum Teil schmerzhaft erwacht sind, setzen andere nun dazu an, die zweite Chance zu nutzen. Mit einem immens großen Kundenstamm im Rücken ist die Raiffeisen-Organisation dabei, ein Online-Handelsmodul für ihre Stammkunden zu entwickeln, das gleichzeitig eine komfortable Belegverwaltung bietet und die Daten für eine Basisdokumentation zur Rückverfolgbarkeit aufbereitet. So einfach wie Online-Banking soll das alles werden. Raiffeisen kann dabei auf ein schlagkräftiges, beinahe von allen Ortsgenossenschaften genutztes Warenwirtschaftssystem zurückgreifen, das aus der genossenschaftlichen Softwareschmiede GWS in Münster stammt. Auch bei der Programmierung der Online-Schnittstellen ist die GWS federführend.

So ist das jetzige Raiffeisen-Konzept ein völlig anderes als seinerzeit die Online-Visionen. Nicht neue Kunden sollen durch den Online-Handel gewonnen werden, sondern der Service für die vorhandenen Kunden verbessert und Kosten verringert werden. Versandhandel und Online-Shops außerhalb des Agrarbereichs machen vor, dass das Internet eine Kommunikationstechnologie ist wie Telefon und Fax. Nur dass die Möglichkeiten, eine größere Servicetiefe zu bieten, mit der geeigneten Software viel weiter gefasst sind. Und diese will „Agrar-Info“, wie die Plattform genannt wird, nutzen.

Bei der Raiffeisen.com GmbH, Münster, wo die Entwicklung und Betreuung der Online-Module angesiedelt ist, wird der Online-Handel erst in drei Jahren angestrebt. Zunächst geht es bei der Online-Entwicklung um einen Service, für den jeder Landwirt spätestens im kommenden Jahr dankbar sein wird: die Aufbereitung der Belegdaten zu einer Dokumentation für die Rückverfolgbarkeit. Schnittstellen, die zu Behörden und Beratung geschaffen werden, dürften sich zu einem wichtigen Hilfsmittel entwickeln. Es kann ein großer Effekt auf die Kundenbindung erwartet werden, wenn die Belege der mit den Ortsgenossenschaften getätigten Geschäfte ohne viel Mühe in die Basisdokumentation einfließen und auch für die Buchstellen verfügbar gemacht werden können. Erreicht die Akzeptanz der Online-Module die erwartete Größenordnung, haben die Genossenschaften hinsichtlich der Kundenbindung die Nase vorn.
stats