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Dagmar Behme

zu Brasiliens Agrarwirtschaft

Weg nach vorn

Brasiliens Landwirtschaft kann glücklich mit der europäischen Agrarpolitik sein. Bereits die Flächenstilllegung der EU brachte dem südamerikanischen Agrargiganten neue Exportmöglichkeiten für Sojabohnen und Sojaschrot. Dann folgte der Rückzug der EU als Verkäufer von billig subventioniertem Rindfleisch am Weltmarkt. In diese Lücke stießen die Brasilianer gerne und lieferten gleich noch Rindersteaks in die mittlerweile unterversorgten EU-Länder mit. Bei Zucker will Brasilien nicht ganz so weit gehen und verspricht im Falle einer Reform der EU-Marktordnung, das süße Produkt nicht nach Deutschland liefern zu wollen, sondern nur auf die Märkte, auf denen die EU ohne Subventionen nicht mehr wettbewerbsfähig sein kann. Indirekt hat Brasilien jedoch auch bei Zucker europäische Märkte im Blick. Zurzeit wird in den Mercosur-Verhandlungen zwischen der EU und den südamerikanischen Ländern heftig darum gerungen, wie weit die EU ihren Markt für Importe von Bioethanol öffnet. Denn dieses Zuckerrohrprodukt produziert Brasilien konkurrenzlos billig.

Die brasilianische Agrarwirtschaft wird Märkte besetzen, die von den EU-Ländern bislang nur dank subventionierter Exporte gehalten werden können. Das wird umso schneller geschehen, wie Handelshemmnisse weiter abgebaut werden. Mit größeren Absatzmärkten im Export erhält die brasilianische Landwirtschaft zusätzliche Impulse für ihr Wachstum. Sie wird sich auch nicht von Vorwürfen beirren lassen, dass dies eine Gefahr für die Umwelt sei. In dem riesigen Land gibt es noch reichlich unerschöpfte Flächenressourcen – jenseits von geschützten Regenwäldern. Auch der Vorwurf, dass landwirtschaftliches Wachstum nicht sozialverträglich sei, ist für Brasilianer schwer verständlich. Es mag sein, dass für einen europäischen Betrachter der Unterschied zwischen Arm und Reich in der Landwirtschaft ins Auge sticht. Doch hier lässt sich unser Maßstab nicht anlegen. In Brasilien lebt noch etwa ein Fünftel der Bevölkerung an der Armutsgrenze. Das Land ist am Anfang des Weges, über Wirtschaftswachstum Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten zu schaffen. Gleichzeitig hat Brasilien mit einem ehrgeizigen Programm dem Hunger den Kampf ansagt. Die wachsende Agrarwirtschaft ist für solche Ziele ein guter Motor.

Natürlich gibt es auch Hürden. Brasilien hat beispielsweise eine völlig überalterte Infrastruktur, die vor dem Kollaps steht. Alljährlich zur Sojaernte bilden sich etwa 100 Kilometer lange Lkw-Schlangen auf den Zufahrtsstraßen zu den Seehäfen. Regelmäßig kommt es in dieser Zeit zu erheblichen Verzögerungen bei der Exportverladung. Beobachter der brasilianischen Agrarwirtschaft warnen davor, dass diese Engpässe gerade bei verderblichen Produkten wie Fleisch oder Obst ehrgeizige Expansionspläne der Wirtschaft ausbremsen können.

Das größte Kapital für die Wettbewerbsfähigkeit Brasiliens sind jedoch die überwiegend jungen Menschen im Land. Gerade in der Landwirtschaft warten viele von ihnen auf ihre Chance. Es muss erschrecken, wie sehr einem Brasilianer in Deutschland die Überalterung in der Landwirtschaft auffällt. Denn es sind nicht allein wirtschaftliche Standortvorteile, die Brasilien hat. Es ist vor allem die Dynamik in den Köpfen, die Aufschwung bringt.
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