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Dietrich Holler

zur Lage der Milchwirtschaft

Sammelbüchse

Ganz gleich, ob das Management von Humana und Nordmilch nicht so recht miteinander konnte, es beim Kassensturz lange Gesichter gab oder sogar beides zusammenkam: Die Fusion der beiden größten deutschen Milchverarbeiter ist vorerst vom Tisch. Schade. Anscheinend haben sich die Rückwärtsgewandten unter den deutschen Milchgenossen durchgesetzt.

Allein die harten Fakten werden sie schon aus ihrer Kuschelecke holen: Humana setzt mit 2,28 Mrd. kg verarbeiteter Milchmenge 2,44 Mrd. Euro um. Nordmilch erreichte zuletzt einen konsolidierten Konzernumsatz von 2,23 Mrd. Euro und musste dafür 4,37 Mrd. kg Milch verarbeiten. Auch zusammen sind die beiden noch deutlich kleiner als Arla, die größte europäische Molkerei: Der dänische Milchriese hat in seinem jüngsten Jahresabschluss vor wenigen Wochen 5,4 Mrd. Euro Umsatz und 7,2 Mrd. kg Verarbeitungsmenge ausgewiesen. Außerdem konnte das Unternehmen seinen Konzerngewinn 2003 um 1 Mio. auf 147 Mio. Euro steigern. Wen wundert es da, wenn Arla nach dem Scheitern der innerdeutschen Fusion jetzt als nordischer Problemlöser ins Gespräch kommt. Arla-Vorstandsmitglied Kaj Ole Pedersen weist darauf hin, dass die aneinander grenzenden Erfassungsgebiete von Nordmilch und Arla für eine Fusion der beiden Milchverarbeiter sprächen. Der Mann weiß, was er sagt: Sein Unternehmen hat seit 1995 immerhin 25 Fusionen und Aufkäufe über die Bühne gebracht.

Jeder hat so seine Zahlen: Die Humana kann mit gut einem Dutzend Vorstandsmitglieder aufwarten, darunter jede Menge Ehrenamtliche. Nordmilch-Vorstandschef Stephan Tomat kommt als ehemaliger Nestlé-Manager mit einem etwa halb so großen Leitungsgremium aus. Er muss Nordmilch neu strukturieren. Und sich im Produktportfolio etwas einfallen lassen: Exportsubventionierte Basisprodukte sind kein Sahneschlecken und lohnen angesichts rückläufiger öffentlicher Marktsteuerung demnächst nur bei absoluter Kostenführerschaft. Humana hätte in die geplante Ehe einige starke Marken als Mitgift eingebracht. Aber auch ein eigenwilliges Selbstverständnis. Wie sich Genossenschaften die Wirtschaft vorstellen, zeigt ein Beispiel: Der Remedia-Skandal belastet Humanas Vermögen. Auf Grund eines Rezepturfehlers der Säuglingsmilch Remedia waren im vergangenen Jahr zwei israelische Babys gestorben und mehrere Kinder erkrankt. Dafür geht Humana-Vorstand Albert Große Frie nun mit der Sammelbüchse los: Zulieferer, Spediteure und andere Geschäftspartner sollen ihren Beitrag leisten. Glauben die Genossen wirklich, betriebswirtschaftliche Probleme durch karitative Modelle lösen zu können? Dann sollten sie kräftig klappern gehen.

Die Milchmärkte werden durch die neue Agrarpolitik volatiler. Zudem wird auf Grund der WTO-Verhandlungen der EU-Importanteil bei Milchprodukten von derzeit 5 Prozent deutlich steigen. Beobachter halten eine Verdopplung für wahrscheinlich. So lange hat die deutsche Milchwirtschaft nicht Zeit. Sie muss ihre Strukturprobleme umgehend in den Griff bekommen.
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