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Bernd Springer

zu den Dioxinfällen

Lücke

Pünktlich zum Auftakt der Eurotier 2004 tauchte mit Dioxinfunden in niederländischer Milch wieder ein „Lebensmittelskandal“ auf. Dies hat das GMP-System (Good Manufacturing Practice) in den Niederlanden genauso wenig verhindern können wie das QS-System die Ausweitung auf deutsche Rinderbetriebe.

Diese Vorfälle unterscheiden sich jedoch erfreulich von denen der jüngeren Vergangenheit. Die Behörden in den Niederlanden, Belgien und Deutschland haben gut zusammen gearbeitet und mithilfe der Aufzeichnungen der beteiligten Betriebe das Problem schnell eingekreist. Dennoch sind die Leidtragenden diejenigen Landwirte, die die Kartoffelschalen aus den niederländischen Werken mit gutem Gewissen an ihr Rindvieh verfüttert haben und nun bangend abwarten müssen, ob die Laboranalysen unerlaubt hohe Dioxinbelastungen im Fleisch ihrer Tiere zu Tage fördern. Noch während dies geschieht, wird öffentlich – das „Forum Sicheres Futter“ mit täglichen Diskussionsveranstaltungen auf der Eurotier bot dafür eine gute Gelegenheit – und auf der Ebene von Behörden und Organisationen diskutiert, wie ein solcher Eintrag in die Lebensmittelkette zukünftig vermieden werden kann. Der Ruf von NRW-Agrarministerin Bärbel Höhn und ihrer Kollegin im Bund, Renate Künast, nach einer EU-weiten Positivliste für Futtermittel ist zwar politisch unvermeidbar wieder erschallt, geht aber am eigentlichen Problem meilenweit vorbei. Die Kartoffelschalen sind nämlich Bestandteil der für QS-Betriebe geltenden Positivliste und dort als „Nebenerzeugnis, das beim Schälen gewaschener Kartoffeln anfällt und das gedämpft oder getrocknet sein kann“, definiert. Doch wie Dr. Hermann-Josef Nienhoff, Geschäftsführer der QS Qualität und Sicherheit GmbH, auf Anfrage zugestand, sind neun der in den Niederlanden betroffenen Betriebe QS-Teilnehmer und drei der in Nordrhein-Westfalen zurzeit gesperrten Betriebe. Nienhoff ist erleichtert, dass nach bisherigem Stand diese Betriebe im fraglichen Zeitraum keine mit dem QS-Siegel gekennzeichnete Ware geliefert haben. Im vorliegenden Fall sorgt dies zwar für Erleichterung, entlässt aber nicht aus der Verantwortung, Schwachpunkte im System aufzudecken. Als solcher ist die noch nicht ausreichende Integration der Hersteller von Einzelfuttermitteln in das System bekannt. Daran arbeitet QS intensiv (siehe Interview im ED vom 6. November). Zusätzlich wird die Ahndung von Systemteilnehmern, die Einzelfuttermittel von nicht QS-anerkannten Anbietern beziehen, verschärft. Ab Mitte nächsten Jahres wird eine solche Abweichung vom Systemgrundsatz den Ausschluss zur Folge haben.

Aber auch Sinn und Ausgestaltung der Positivliste müssen überprüft werden. Bei den Kartoffelschalen fällt auf, dass unter den zusätzlichen Angaben zum Herstellungsprozess zwar gegebenenfalls Angaben zum Trocknungsverfahren und dessen Brennstoff verlangt werden – wohl wegen der zurückliegenden (Dioxin-)Erfahrungen mit der offenen Trocknung von Gras. Es ist jedoch kein Datenblatt erforderlich, worin beispielsweise aufgeschlüsselt sein könnte, welche Substanzen dem Wasch- und Trennwasser zugesetzt wurden. Vielleicht wäre damit entdeckt worden, was längst schon aktenkundig ist: Westerwälder Tonerden können eine erhöhte natürliche Dioxinbelastung aufweisen und stellen daher in der Futtermittel- und Lebensmittelerzeugung ein Risiko dar. Als vorläufiges Fazit ist zu ziehen: Eine hundertprozentige Sicherheit lässt sich bei Lebensmitteln nie erreichen. Die Systeme haben aber an Qualität gewonnen und jeder Vorfall hilft, noch bestehende Lücken zu schließen.
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